Eine kleine Geschichte aus der Stadt

Vielleicht war es ein Leser der Seite, vielleicht ein Interessierter an unserer Stadt, vielleicht jemand, der die Vergangenheit nur so ruhen lassen kann - vielleicht war es auch jemand anders. Fest steht nur, das wir eine kleine Geschichte aus unserer kleinen Stadt haben, vielleicht etwas ungelenk geschrieben, die uns zurückversetzt in die DDR der Jahre 1987 und 1988.

Wenn Sie Ihnen gefällt, würden wir uns über eine Reaktion freuen; wenn Sie Ihnen nicht gefällt, ebenso - weiterlesen müssen Sie dann ja nicht.

 

Fest steht, das alle Namen frei erfunden wurden und das niemand jemanden anhand der beschriebenen Ereignisse wiedererkennen kann.


1

„Hey Wolzow!“ brüllte es im Gewölbe der Eisenbahnbrücke und Moriz sah sich um. Schrottie, der strahlte aus der Dunkelheit des Gewölbes heraus. Er hatte seinen Arm um ein blondes Mädchen geworfen, das Claudia hieß und aussah, als hätte es schlechte Laune.
„Hey Wolzow!“ rief er noch einmal und eine Großmutter auf der anderen Straßenseite schüttelte den Kopf.
Das Mädchen machte sich los. „Der hat’ne Meise!“ flüsterte es und gab Moriz einen Kuss auf die Wange. Vor ein paar Wochen hatte er sich einmal schnell gedreht und ihr Kuss traf seinen Mund. Es war schön, fand er.
„Danke!“ sagte er und das Mädchen sah weg.
„Deine Evi hab ich nicht dabei!“ erklärte Schrottie, als wäre es möglich einen Menschen auf diese Distanz zu übersehen.
„Die wollte nich’ … vielleicht’n Zickenanfall? Aber Claudia hab ich aufgelesen.“
Das Mädchen sah sich um und fand wohl, das sein Getue keine Reaktion verdiene.
Sie war vor dem Friseurgeschäft stehen geblieben und kratzte sich mit dem Spann die nackte Wade.
„Dann fahre ich morgen mal zu ihr.“ sagte Moriz. „Geh’n mir jetzt?“
„Klar!“ Schrottie warf seinen Arm aus um Claudia wieder einzufangen und sah sich zufrieden nach Wolzow um. „Komm aus der Hefe!“ rief er und schwankte mit ihr davon.

Moriz sah noch einmal nach seinem Haus. Besser nach dem Haus seiner Eltern, denn der unheimliche graue Kasten, der vor unendlichen Zeiten einmal einem Arzt gehört hatte, sah noch genau so aus, wie er ihn kannte. Sogar im Licht des frühen Nachmittags wirkte er kalt.
Dabei strahlte die Sonne als wäre es Sommer und seine Mutter hatte fünfundzwanzig Grad vom Thermometer abgelesen. Dann hatte sie zu klagen begonnen, von der Hitze, den Mücken und all dem Ungeziefer, das diesen Sommer wohl wieder unerträglich machen würde.

Als er den Kasten hinter sich lassen konnte, sah er seinem besten Freund nach. Ohne nachzudenken fiel ihm ein Webespruch aus dem Westfernsehen ein: „Das Beste ist noch lange nicht genug …“ Er stimmte dem Satz zu, als er das seltsame Paar betrachtete, das vor ihm durch die leeren Straßen des kleinen Kaffs schwankte. Immer das Gleiche, dachte er. Dieser Idiot und die unzufriedene Maid. Wird Zeit da sich was ändert. Ewig die gleiche Leier. Dann trat er auf den Stein, der eine zerbrochene Gehwegplatte war und dachte daran, ob sich vielleicht heute sein Leben ändern würde, als sie mit einem dumpfen Plopp zurückfiel.

Der April hatte Halbzeit und es war warm. Edwin, sein Onkel, hätte diesen Tag „zum Götter zeugen“ genannt und bewiesen, dass er sich weder in der Biologie noch in der Literatur auskannte. Ohnehin hatte der Onkel nur vom Krieg Ahnung, den er in Frankreich verbracht hatte, was ständig zum Streit mit den alten Damen der Verwandtschaft führte, deren Männer an der Ostfront waren und über das Erlebte am liebsten schwiegen.
So geht’s halt zu, sagte Morizs Vater zu diesem Thema, ergänzte oft: Du bist ja auch bald dran Soldat zu werden … Besser jetzt als nachher, dachte Moriz in solchen Momenten. Immerhin trug er den Spitznamen „Wolzow“ nicht ohne Stolz. Immerhin war Wolzow der böse Held aus dem Roman „Werner Holt“ den jeder Zehnklässler kannte und der bei fast allen Jungen das Gegenteil erreicht, als sich die staatlichen Stellen dachten. Wer sich nach dem Lesen nicht freiwillig als Flakhelfer gemeldet hätte, war im kleinen Kaff nicht sonderlich gut angesehen.

Doch heute aber gab es wichtigere Dinge als einen Onkel ... Evelyn war nicht dabei und er war froh darüber. Es war schön eine Freundin zu haben, fand er. Aber meistens nervte sie ihn mit irgendwelchem unwichtigen Kram oder hatte Kopfschmerzen.
Er blieb stehen und brannte sich eine Zigarette an. Es war eine CLUB, die nur Angeber rauchten, aber trotzdem gerne geklaut wurde.
Moriz hatte seine aber ehrlich erworben, mit dem Geld das ihm seine Eltern hinterließen, wenn sie wieder einmal eine Weile wegfuhren. Dieses Wegfahren häufte sich in letzter Zeit und bereitete ihm ordentliches Vergnügen. Er hatte dann das riesige Haus allein für sich, ein paar große Scheine in der Brieftasche und wusste, wo sein Vater den Schlüssel zum Keller versteckt hatte, in dem sich Wein und Bier stapelten. Er konnte sich noch erinnern, dass seine Mutter die „Schiebergeschäfte“ seines Vaters deutlich missbilligte und ständig jammerte, weil sie ihn schon im Knast sah. Trotzdem war sie froh, wenn sie ihren Freundinnen wieder etwas Erlesenes präsentieren konnte, was ihren Ruf als „Dame“ im kleinen Kaff bestätigte. Wolzow und seine Freunde standen eher auf das Exportbier, das man im kleinen Kaff niemals in der Kaufhalle zu sehen bekam und auch nach einem halben Jahr noch nicht verdorben war.

2

"Fünfzehn!" sagte sie sich, als sie sich vor ihren alten großen Kleiderschrank setzte. Und wiederholte langsam: "Fünf-Zehn! Jetzt sind die Kindereien vorbei." Sie überlegte noch einmal, ob sie das bedauerlich finden sollte, war sich dann aber sicher, dass es besser war, kein Kind mehr zu sein. Außerdem würde sie nun nur noch drei Jahre ins Heim müssen, wenn es so kommen sollte. Nächstes Jahr nur noch zwei, rechnete sie kurz. Und doch lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken, Zwei Jahre ... Nein drei ... Mein Gott. Das ist ja so unendlich, bis ich achtzehn bin!
"Mach hinne!" schallte es durch die Tür. So blöd wie Mama sich manchmal benahm, sie erreicht es doch das die Gedanken an das Heim verschwanden und der tagtägliche Stress in den Vordergrund trat. "No!" antwortete sie deshalb und schon aus Prinzip.
Ab heute war sie fünfzehn und sie fühlte nun, dass sie richtig erwachsen war. Gestern war sie zwar noch um zehn ins Bett geschickt worden, aber sie beschloss, sich das heute auf keinen Fall gefallen zu lassen. Mit fünfzehn hatte man immerhin das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Dazu gehörte vor allem, wann man nach hause kommen konnte und wann man ins Bett ging.
Der Gedanke erwachsen zu sein, machte eine längere Pause als sie sich vor den Spiegel stellte. Zwar war nicht zu verachten, was ihr die Natur bisher an Weiblichkeit geschenkt hatte, aber das, auf das sie nun schon seit Jahren wartete, wuchs in einer solch empörenden Langsamkeit, dass sie die Hoffnung zu verlieren begann. „Sei doch froh!“ brabbelte ihre Mutter bei jeder Gelegenheit, zu der dieses Thema angesprochen werden konnte. „Oder willst Du aussehen wie …“
Es war ein klares Zeichen das ihre Mutter nur in Extremen denken konnte. Immerhin gab es eine gute Mitte zwischen ihr und den dämlichen Beispielen ihrer Mutter. Und nicht nur die Mitte war gut, sondern auch die Tatsache, das sie einmal nicht auffallen würde, wenn es etwas gegeben hätte, was an ihr normal war.
Sie ging zum Fenster und roch die warme Luft. Eigentlich wäre es schon Zeit für den Beerlauch gewesen, aber der ließ sich wohl in diesem Jahr Zeit. Als ein Mann mit Hund nach oben gaffte, sprang sie zurück ins Zimmer und dachte weiter darüber nach, was sie anziehen sollte.
In einer knappen Stunde würde sie ihrem Vater gegenübersitzen und das war schön. Nicht das die Tatsache alleine ein Ereignis gewesen wäre, immerhin traf sie ihn mindestens zweimal in der Woche. Aber das man in der Gaststätte im Park Kaffeetrinken würde wie eine ganz normale Familie, war etwas Besonderes. Seit der Scheidung vor zwei Jahren waren sie nur wenige Minuten zu dritt gewesen, meist nur dann, wenn sie von ihrem Vater abgeholt oder angeliefert wurde.
Heute war also der Tag auf den es ankam. Vielleicht würden sich die beiden Alten ja tatsächlich verstehen und den Grund für ihre Scheidung vergessen. Dann würde ihr Vater wieder einziehen und alles wäre wie früher. Vielleicht würde sie heute den Plüschbären, der Franzi hieß, nicht mehr im Arm nach Hause tragen, aber sonst …
Ein Poltern im Flur holte sie zurück in die Gegenwart und sie begann sich die Haare zu bürsten.
„Soll ich Dir einen Zopf machen?“ rief es durch die Tür als hätte ihre Mutter hindurch sehen können, was Gina gerade tat.
„Nö.“
„Was?“
„Nei-hein!“ Ärgerlich über den dummen Dialog zupfte Gina ein paar lose Haare aus der Bürste und warf sie aus dem Fenster. Es klopfte und noch bevor sie etwas sagen konnte, stand ihre Mutter im Zimmer.
„Was machst Du denn?“ fragte sie und zog die Brauen zusammen. „Du hast ja noch nicht einmal was an!“ Entschlossen stürmte sie zum Fenster und warf es in den Riegel. Dann zog sie die Gardine vor. „Du kannst doch hier nicht so rumspringen. Man kann ja reinguggen!“
„Und reinkommen.“ flüsterte Gina, die es hasste, wenn ihre Mutter mit dem Klopfen so tat, als würde sie eine offene Tür respektieren, dann aber doch einfach ungebeten eintrat. Sie wickelte sich in ein Handtuch und wollte ihre Mutter nicht mehr zu beachten.
„Willst Du wirklich keinen Zopf? Das sieht doch besser aus …“
„Meinetwegen.“ Mühsam ließ sie sich auf den Stuhl sinken und drehte ihrer Mutter den Rücken zu. Früher hatte sie es immer gemocht, wenn ihre Mutter Zeit hatte. Nach der Scheidung war sie aber gröber geworden und vor allem ungeduldig. Und wenn dann noch der Ärger dazukam, konnte es zu einer Quälerei ausarten, frisiert zu werden.
„Fertig!“
Gina stand auf und ging zum Spiegel. Der geflochtene Zopf saß perfekt, aber spannte ein wenig. Mit den Zeigefingern machte sie sich Schlitzaugen und sah zu ihrer Mutter.
„Zu straff?“
„Geht so.“
„Also dann. Ich ziehe mich jetzt an. In zehn Minuten ist Abmarsch!“
Die Tür fiel ins Schloss und Ginas Blick auf einen Jeansrock, der passen müsste. Sie zog ihn an und fand ihn erträglich. Dann dachte sie an die weißen Stiefel mit den Fransen. Dazu sah der Rock perfekt aus. Sie kombinierte alles mit einem weißen Ledergürtel und einer weißen Bluse mit Taschen, die das Fehlende ganz gut kaschieren würden. Dann nahm sie sich die Jacke aus dem Schrank und war fertig.
Ihre Mutter hob die Brauen als sie auf dem Flur erschien. Sie schaute prüfend und schien das Gesehene wohl akzeptieren zu können, denn sie sagte nichts. Als sie die Schuhe angezogen hatte, schaute sie noch einmal. „Ist das nicht zu durchsichtig?“
„Was soll ich darauf antworten?“ Gina fühlte, dass sie genauso prüfend blicken konnte, wie ihre Mutter und gruselte sich ein wenig. „DU schaust mich doch an.“
Nach einem kurzen bösen Blick wurde Gina aus der Tür geschoben. „Los jetzt! Sonst können wir gleich hier bleiben!“

3

Schrottie nahm seinen Arm erst von Claudia, als sie auf Tom und Olaf trafen. Die beiden standen an einer Straßenecke, hatten eine Zigarette in den Mundwinkel geschoben und fühlten sich cool. Jeder der vorbei ging, machte unwillkürlich einen Bogen und das brachte die beiden zum Grinsen, das fies aussehen sollte.
Tom war ein hochgewachsener dürrer Bursche mit Hühnerbrust, Sommersprossen und ständig dreckigen Händen. Das er Caro rauchte, konnte man seinen Fingern ansehen. Wenn sie einmal sauber waren, zeugten sie mit gelben Flecken von der Nikotinsucht ihres Besitzers. Außerdem ging das Gerücht um, dass er die schmutzigen Finger sehr lang machen konnte, wenn es darum ging, Batterien für einen Kassettenrecorder, Brötchen, Bier- und Schnapsflaschen oder einfach nur Caros zu besorgen. Zumindest herrschte in der Clique an diesen Dingen nie ein Mangel, seit Tom dazu gehörte.
Olaf dagegen war einfach schön. Und Olaf hatte Geld. Viel Geld. Er bekam es von seinen Eltern, die im kleinen Kaff die einzige private Klempnerei besaßen und ihn mit der der Aussicht auf ein Auto zum Achtzehnten in eine hauseigene Lehrstelle gelotst hatten. Zeit hatten sie schon seit seinem dritten Lebensjahr nicht mehr für ihn, denn der Unterhalt eines riesigen Einfamilienhauses, eines Bungalows mit etlichen Hektar Land und eines Volvos bedingte eine permanente Beschäftigung bei anderen privaten Handwerkern, die mit Westgeld bezahlen konnten. So schufteten sie Tag ein Tag aus für Radialreifen, Bauholz und Klinkersteine. Olaf hatte gelernt, alleine klar zu kommen. Seitdem er wusste, das ihn Mädchen toll fanden und bereit waren, auch den letzten Schritt zu wagen, haderte er nicht mehr mit seinem Schicksal, sondern genoss einfach nur sein Leben.
Claudia war froh, Schrottie los zu sein. Sie zupfte noch einmal an ihren Haaren herum und stahlte Olaf an. Aber der nickte nur und gab Moriz die Hand. „Ist ja wieder gut drauf, die Große!“ Dann sah er Claudia hinterher, die leicht errötet weitergegangen war.
Moriz folgte seinem Blick. „Ja.“ sagte er dann und gab Olaf eine Kassette. „Ist die Neue!“
„Danke!“ Er steckte ein und reichte ein Pfund herüber. „Stimmt so.“
„Was hast’n dem gegeben?“ fragte Schrottie der herangeeilt war, als er die Kassettenübergabe mitbekommen hatte. Zuvor hatte er noch versucht Claudia zu folgen, aber wenn's um Geld ging, war das wichtiger.
„Was was Geld kostet!“ sagte Moriz und war froh, dass eine sonderbare Gestalt auftauchte, die Torso genannt wurde. Sonst hätte sich die Diskussion mit Schrottie noch Stunden hingezogen, warum er nicht auch eine Kopie bekommen könnte. Natürlich ohne etwas zu bezahlen.
Torso wankte heran. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, als wäre es eisig kalt draußen. Er ging direkt auf Claudia zu und gab ihr die Hand. Sie musste zu ihm hinuntersehen, schien aber trotzdem froh zu sein, dass er sich für sie interessierte. Einen Kuss bekam er allerdings nicht und das freute Moriz.
„Na Große!“ sagte er, nachdem er sie mit ein paar schnellen Schritten eingeholt hatte.
Sie sah sich verwundert um und Moriz bot ihr eine Zigarette an.
Sie schüttelte den Kopf. „Beim Laufen?“
 „Hast recht. Sieht doof aus.“
„Eben.“
Sie schwieg und lief einfach weiter.

Macke hatte sich irgendwo auf dem Weg eingereiht und hörte Schrottie aufmerksam zu, der von seinem jämmerlich alten Motorrad erzählte. Macke hörte ohnehin gern zu, aber kaum jemanden fiel auf, dass er nur in den seltensten Fällen mitbekam, worum es eigentlich ging. Dabei bewies er ein gewisses Geschick, an den richtigen Stellen ein paar Worte einzuwerfen, so dass es fremden verborgen blieb, dass er nur mit Mühe die achte Klasse geschafft hatte und sein Leben als Hilfsarbeiter in der örtlichen Süßwarenfabrik fristete. Unvorsichtige Leute nannten ihn ab und zu „Sackschlepper“, was zwar den Tatsachen entsprach, ihn aber zu Handgreiflichkeiten herausforderte. So konnte Macke ab und zu Backpfeifen geschickt verteilen, was ihn zu einem unentbehrlichen Mitglied in der Clique machte.  

4.

Gina hatte den Weg zum großen Gartenrestaurant hinter sich gebracht und war viel zu aufgeregt, um mitzubekommen das ihre Mutter über zwei „Halbstarke“ schimpfte, die an einer Straßenecke herumgestanden und dumm in die Gegend geglotzt hatten. Einer hatte sich wohl sogar einen Spruch erlaubt, der bei ihrer Mutter besonders schlecht ankam.
„Bloß gut dass Du nicht solchen Umgang hast!“ lamentierte sie noch, als das Restaurant schon in Sichtweite war. „Ins Heim gehört so was!“
Gina horchte auf und versuchte sich an die beiden zu erinnern. Seit in ihrem Leben das erste Mal der Begriff „Heim" aufgetaucht war, wollte ihre Mutter nicht mehr jeden Bengel den sie traf dorthin schicken. Aber sie erinnerte mit ihrem Gemecker an die schreckliche Zeit vor einem Jahr, und ihr wurde für ein paar Sekunden kalt. „Hör auf!“ bat sie leise und ihre Mutter schien verstanden zu haben, was sie meinte.
„Aber zum draußen Sitzen ist es noch zu kühl!“ sagte sie und hatte damit ein Thema gefunden, mit dem sie bestimmen konnte, ohne ihrer Tochter Angst zu machen.
„Ich hab sowieso drinnen den Tisch blockiert!“
„Reserviert heißt das!“ wurde sie automatisch verbessert, als ihre Mutter mit nur etwas erhobener Nase durch die Jugend den kleinen Kaffs drängelte, die sich auf der Terrasse breit zu machen begann.

Harald, ihr Vater, erhob sich langsam als er Gina mit ihrer Mutter sah. Er grinste zuerst, so wie er immer gegrinst hatte, als Gina noch klein war. Dann schien er sich aber zu besinnen und lächelte nur noch. „Tag Mein Schatz!“ sagte er, als Gina vor ihm stand. „Alles Gute zu Deinem Fünfzehnten!“
Gina lächelte zurück und sagte leise: „Aber Papa! Ich werde doch sechzehn!“ Ihr Vater sah tatsächlich für einen Augenblick verwirrt aus und nun konnte Gina grinsen.
„Nächstes Jahr Gina.“ bestimmte ihre Mutter. „Erst nächstes Jahr. Guten Tag Harald!“ Vorsichtig, als könnte sie sich verbrennen, gab sie ihrem Mann die Hand, zog sie schnell wieder zurück und wollte sich schon setzen, bevor er ihr den Stuhl zurecht schob.
„Moment meine Liebe!“ rief er, rückte den Stuhl heran und ließ sie sitzen.
„Ich komme schon alleine klar.“ Gina setzte sich, bevor das peinliche Prozedere auch bei ihr beginnen würde.
Nun saßen sie vor ihr, nebeneinander, wie verstrittene Kinder, die zu bockig waren, ein Spielzeug zu teilen. Aber noch war nichts verloren und der Anfang war nicht anders als erwartet. Gina lehnte sich an und betete, dass gleich irgendein Wunder geschehen würde.
Ein blondes Mädchen vor dem Fenster kickerte so auffällig, das sie hinaussah. Es stand neben einem Jungen in einer Jeansjacke am Geländer der Terrasse und für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke.
„Gina? Kaffee?“
„Jaja… klar. Ähm, bitte!“ Sie war wegen ihrer Eltern hier und brauchte einen Augenblick, sich wieder daran zu erinnern. Das Mädchen vor dem Fenster hatte sie neidisch gemacht und zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich, sie könnte auch da draußen stehen, neben einem Jungen, rauchen und sich auf die Disko freuen.
„Dein Geschenk hab ich Dir nicht mitgebracht!“ sagte ihr Vater und als sie ihn fragend ansah, erklärte er, dass er zu faul war, es bis hier her zu schleppen. „Du kannst es Dir aber demnächst holen. Oder ich bringe es Dir vorbei.“
„Was ist es denn?“ fragte sie neugierig und vergaß das Mädchen vor dem Fenster. Die Geschenke von ihrem Vater waren immer schön, wertvoll und bedeutend. Seit der Scheidung legte sich ihre Mutter aber auch noch mächtig ins Zeug und so konnte Gina wenigstens einen materiellen Vorteil aus der Scheidung ziehen.
„Das wirst Du doch sehen, wenn Du bei Deinem Vater bist!“ erklärte ihre Mutter und machte damit klar, dass er sich nicht einfallen lassen sollte, zur Geschenkelieferung vorbei zu kommen.
Du bis so grenzenlos blöd! dachte Gina und musste wieder aus dem Fenster sehen, damit niemand am Tisch mitbekam, wie wütend sie war. Das Mädchen war verschwunden, dafür starrte sie der Junge mit der Jeansjacke an. Eine Mischung aus Neugier und Schüchternheit lag in seinem Blick, den er ab und zu über sie hinweg in den Raum gleiten ließ, der sich aber stets wieder bei ihr fing.
Der Kaffee kam und mit dem Kaffee ein Stück Torte. Gina hatte nun etwas anderes, auf das sie sich konzentrieren konnte und begann die Torte aufzugabeln. Der Junge schnippte die Zigarette über die Terrasse und traf tatsächlich einen der Blumenkübel. Sie lachte kurz, weil er so erstaunt aussah und nach einer kurzen Verlegenheitsphase lachte der Junge zurück. Dann wand sich Gina ab. Endgültig, wie sie sich vornahm. Schließlich war sie mit ihren Eltern hier, das war etwas seltenes, fast einmaliges, etwas das man nicht wegen einer Zigarettenschnippserei vernachlässigen sollte.
Um das Schweigen am Tisch zu unterbrechen fragte sie, ob sie denn nun ein Moped bekommen könnte. Der Blick ihres Vaters wurde eisern, das Gesicht ihrer Mutter hellrot. Früher hätte ihr Vater gefragt, ob sie eine Meise hätte, heute schien er tatsächlich nachzudenken.
„Nein!“ sagte ihre Mutter.
„Vergiss es!“ sagte ihr Vater.
„Aber warum?“ fragte Gina. Sie wollte, dass die beiden im Gespräch blieben, also musste sie dumme Fragen stellen.
„Weil Du ne Meise hast!“ erklärte ihr Vater.
„Weil … weil wir da schon drüber gesprochen haben!“ erklärte ihre Mutter.
„Na dann nicht!“ sagte Gina und wusste, das dieser Satz falsch verstanden werden würde.
„Weißt Du, was da alles passieren kann?“ fragte ihr Vater.
„Und wenn ich einen Freund mit Moped hätte?“ fragte Gina.
Ihr Vater richtete sich auf dem Stuhl auf. „Na mit dem Thema haben wir noch ein paar Jahre Zeit!“
„Ah ja!“ Zum ersten Mal sah ihre Mutter mitleidig und sogar etwas liebevoll zu ihrem Mann und Gina sah nach draußen.
Der Kerl hatte etwas Trotteliges an sich. Er wollte cool aussehen mit seiner Zigarette, wirkte aber noch schüchterner als vor ein paar Minuten. Dann stand er aber auf und kam auf das Fenster zu. Gina suchte sich schnell irgendeinen Punkt im Raum und hoffte, er würde nicht zu nahe kommen. Aber als nichts geschah, wand sie langsam den Kopf und sah ihn nicht mehr. Er war verschwunden. Auch als sie aus dem Fenster starrte, konnte sie ihn nirgends entdecken. Eine seltsame Mischung aus Zufriedenheit und Bedauern. Ein komisches Gefühl, dass sie mit ihrem Stuhl näher an das Fenster rückte. Wenn er mich jetzt sieht, sterbe ich! dachte sie, aber sie kam nicht dagegen an. Als sie soweit war, aufzustehen, trat er plötzlich vor das Fenster. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er sie an, dann blickte er zu Boden, trat seine nächste Zigarette aus und ging zur Treppe, die in den Park hinunter führte. Dort sah er sich noch einmal um und verschwand.

5.

„Hast Du Specklocke gesehen?“ fragte Schrottie und riss Moriz, der sich gerade auf ein bequem auf das Geländer gesetzt hatte, aus seinen Gedanken. Vor ihm breitete sich ein sozialistischer HO-Gaststätten-Prachtbau aus den Fünfzigern aus. Hinter ihm erstreckte sich eine große Wiese. „Ne. Ist der hier, der Vogel?“ fragte er.
Schrottie kicherte. „Haste Schiss oder was?“
„Ich?“ fragte Moriz drohend und stand auf. „Wer bei dem kauft ist doch bescheuert.“
„Psst...“ machte Claudia. „Da isser.“
„Von mir aus. Der macht mir eh das Geschäft kaputt. Da kanner auch `n Paar aufs Maul kriegen.“ Trotz seiner Kraftmeierei war er dankbar dafür, dass ihn die zarte Hand zurück auf seinen Platz drückte.
Olaf spannte sich. „Wenn Specklocke seinen schwulen Eierkopf mitbringt … dann wird’s tüchtig eng.“
„Ach leck mich...“ brummte Moriz und hob gelangweilt die Hand um den Jungen mit den langen fettigen Haaren zu begrüßen.
„Moin...“ brummte Specklocke und brannte sich eine Caro an. „Wie läufts?“
„Es geht noch ... glaub’ ich.“ mischte sich Claudia ein und drängte sich dicht an Moriz.
Er schob sie ein Stück zurück. Sich hinter einem Mädchen zu verstecken, wo gab es denn so was? Wenn dieser Idiot auf ihn losging, hätte er zwar keine Chancen. Aber hinter Claudia zu sitzen war noch peinlicher, als auf dem Boden zu enden.
„Wir sehen uns ...“ Specklocke hob die Hand. „Bis denne!“
Moriz sah ihm nach und flüsterte: „Elender Wichser.“
Schrottie lachte leise. „Mal was anderes." unterbrach er die Gedanken der anderen. „Habt ihr das schon von Tina gehört?“
„Welche Tina?“ Claudia spitze die Ohren.
„Na die von Evi. Die Freundin da … die Be-Tina“
„Quatsch nich’. Die sind schon lange nicht mehr befreundet.“ Moriz nahm sich eine Zigarette. Evi war langweilig, aber er hasste es, wenn man über sie herzog.
„Is doch och Wurscht. Jedenfalls Tina, ja, die Rothaarige …“
„Ja was iss nu mit der?“ drängte Claudia.
„Na die ist schwanger.“
Eine kurze Pause entstand und Moriz fiel die Zigarette aus der Hand. Als er sich bückte um sie aufzuheben, fühlte er alle Blicke auf sich. „He, die ist nur so runter gefallen …“ murmelte er, aber die Blicke blieben starr auf ihn gerichtet. „Eh nu kommt. Ich hab mit der nie was gehabt!“
„Es war immer der, der am meisten dagegen protestiert!“ schulmeisterte Claudia. Die anderen begannen zu lachen.
Moriz trat die Kippe aus. Sie war nicht mehr zu retten. „Ach halt die Klappe.“
„Wer war’s denn nu?“ fragte Claudia. „Man eh, wenn ich daran denke. Mir wird ganz schlecht.“
„Kann dir doch nicht passieren!“ behauptete Tom.
„So ein Mauerblümchen wie du …“
Sie ging nicht darauf ein. Besser war es, cool zu tun und überlegen zu lächeln. Und wer konnte das besser als Claudia? Es war ihre stärkste Waffe. Aber auch ihre einzige.
„Hast Du schon mal dort rein gesehen?“ fragte sie nach einer Weile völligen Schweigens.
„Wohin?“ Olaf sah sich um.
„Du doch nicht Du Dödel. Moriz!“
„Was?“
„Na da. Guck doch mal. Ist doch was für Dich.“
Moriz sah durch das Fenster auf das Claudia gezeigt hatte. Und tatsächlich. Direkt dahinter saß ein Mädchen mit einer weißen Bluse, schwarzen Haaren und braunen Armen. Claudia kickerte.
„Kirsche.“ murmelte Moriz und flüsterte: „Verdammich!"
„Die ist bestimmt aus Berlin.“ rief Schrottie.
„Quatsch. So was gibt’s dort nicht. Dort gibt’s nur Übelfruggen.“
„Wart’ mal bis sie aufgestanden ist. Vielleicht hat sie einen fetten Arsch.“
„Na klar! Die hat bestimmt `n Arsch wie `Brauereipferd.“ Tom lachte. „Ha’m die immer. Riesen Arsch und keene Titten!“
„Ach halt doch die Klappe.“ Moriz schob ihn zur Seite. Die schwarzen Augen von ihr hatten ihn getroffen. Nicht einmal eine Sekunde lang. Aber sie hatte ihn gesehen. Auch wenn sie jetzt wieder so tat, als würde sie über irgendetwas lachen. Es gibt also doch Tage, an denen sich die Welt ändert, dachte er. Evi ist nicht da und vor mir sitzt so eine Maus. Wenn das nichts mit Schicksal zu tun hatte.
Er beobachtete sie. Sie hatte lange schlanke Arme und schmale Handgelenke. Aber sie hielt die Tasse ganz sicher in der Hand, obwohl das ein Wunder zu sein schien. Wenn sie lachte, bog sie ihren Rücken durch und ihre Schulterblätter unter der durchscheinenden Bluse wurden zu kleinen Flügeln.
„Alles klar Großer?“ Moriz spürte, dass Claudia ihn anstieß.
Er nickte nur. „Ja ja, klar doch.“
„Und brauchste vielleicht einen Tip von einem Mädchen? Oder schaffste das alleine?"
„Tippe mal."
„Na dann pass auf!" Sie stellte sich vor ihn und erklärte so leise es ging, was er tun sollte.

„Na?“ fragte Claudia, als sie sich an der Treppe wieder trafen. „Hat doch hingehaun, diesmal? Musste doch zugeben!“
Er nickte. Das Wesen war tatsächlich neugierig auf ihn. Aber wie sollte es nun weitergehen?
Als Claudia die Treppe vor ihm hinaufstieg, kniff er sie in den Hintern. Nicht derb, aber doch so das er an ihrer Reaktion feststellen konnte, ob sie vielleicht eifersüchtig war. Sie blieb stehen, blickte ihn an, als sei er ein ungezogener Dreijähriger und ging gleich darauf weiter.
Schrottie steckte neben ihm den Arm nach ihrem Hintern aus.
„Lass es!“ sagte Moriz und wusste, das Schrottie gleich streiten würde.
„Aber Du darfst das!“ meckerte er wie erwartet los. Dann drängte er Moriz zurück.
„Was denn hier los!“ rief jemand der ein FDJ-Hemd trug und dafür zu alt aussah. Er fertigte Claudia ab und stellte sich in den Weg.
„Komm reiß die Zettel durch Nietsch!“ forderte Schrottie das FDJ-Hemd auf.
Nietsch blökte irgendwas.
„Ruhig Blauer!“ sagte Moriz. „Mach was Dir gesagt wird!“ Eigentlich hätte er Brauner sagen wollen, aber das wäre bei den Blauhemden komisch angekommen.
„Halt bloß die Schnauze Wolzow!“
Nietsch gab gern an, das wusste Moriz. Dafür war er durch Blauhemd qualifiziert; wenn er auch sonst eine Niete war. Wie erwartet trat er einen Schritt zurück und ließ ihn passieren.
„Du leidest in letzter Zeit zuwenig!“ stellte Moriz fest und Schrottie grinste.
„Pass lieber auf, das Du heute nicht ins Wasser fällst.“ drohte Nietsch.

5

Der Nachteil daran, dass der Störenfried irgendwann doch das Weite gesucht hatte lag darin, dass Gina wieder mit ihren Eltern allein war. Nicht das es ihr etwas ausgemacht hätte, aber sie wurde das Gefühl nicht los, als würde sich ihre Mutter wieder dazu zwingen, das bekannte kalte Gesicht aufzusetzen, um ihrem Mann nicht zu nahe zu kommen. Vor wenigen Minuten hatten sie noch zusammen gelacht, nun waren sie voll und ganz damit beschäftigt, die gute Stimmung so gründlich wie es ging zu zerdeppern.
Irgendwann war es dann soweit. Ihr Vater sah auf die Uhr.
„Ich muss dann. Tut mir leid, die Nachtschicht… Du weißt…“ Was Gina wissen sollte, ließ er offen. Sicher das er bis zur Übernahme seiner Straßenbahn noch vier Stunden Zeit hatte und deshalb in Eile war.
„Ja klar Harald. Dienst ist Dienst. Gina kennt das ja noch, nicht?“ Die Mutter nickte ihr so fordernd zu das es aussah, als erwarte sie zumindest Begeisterung.
Dann stand er auf. „Machs gut Angelika. War schön dich mal wieder zu sehen.“ Sie reichte ihm diesmal länger die Hand. Wahrscheinlich kostet es sie weniger Überwindung, weil es der Abschied war, dachte Gina.  
„Tschüss Schatz.“ Er beugte sich über den Tisch. „Wir sehen uns!“
„Ja klar. Spätestens Weihnachten.“
„Warum sagst Du das Gina?“  Sein Gesicht verriet, das er ärgerlich war.
Es hat lange gedauert, dachte Gina. Sie war traurig, wenn sie ihm Ärger machte. Aber niemand sah, dass es für sie keine andere Möglichkeit gab. Zu seiner Frage traf sie auch noch ein böser Blick ihrer Mutter. Es war gut zu sehen, dass sie sich wieder einmal einig waren, wenn es auch nur für einen Augenblick war.
Sie hätte ihm gern eine Antwort gegeben. Sie hätte es auch geschafft ihn zu verletzten. Aber es war da noch etwas wie Respekt, vielleicht sogar Angst. Also zuckte sie nur mit den Schultern und senkte den Blick. Als sie durch ihre Haare schaute, bemerkte sie, dass ihre Eltern Blicke tauschten. Worum es ging, verstand sie nicht. Aber sie verständigten sich.
Ihre Mutter war sichtlich erleichtert, als er gegangen war. Sie machte den Eindruck, als würde sie sich nun doch noch ein Stück Torte bestellen, um die überstandenen zwei Stunden zu feiern. Verdammte Idioten! dachte Gina und stand auf. „Ich warte draußen“ sagte sie leise und ging.
Allein auf der Terrasse dachte sie an den Jungen, der vorhin hier auf dem Geländer gesessen hatten. „Blöder Affe!“ rief sie und ein älterer Herr, der mit seiner Frau an ihr vorbeiging, schaute irritiert.
„Was guckste denn auch!“ keifte seine Frau und Gina musste lachen.
„Na dann, gehen wir!“ Ihre Mutter trat aus der Tür und schien sich einhaken zu wollen. Als sie bemerkte das Gina sich steif machte, zog sie ihren Arm zurück. „Was ist denn Spatz?“ fragte sie so unschuldig wie eine Hexe aus dem Märchenland.
Gina fiel nichts ein. „Ach Scheiße!“ schimpfte sie leise vor sich hin.
„Was hast Du denn erwartet?“
Sie zuckte die Schultern. Keine Ahnung, irgendwie das die Welt besser wird, das Papa wieder einzieht und wieder den ganzen Tag für sie da ist.
Ihre Mutter lief schweigend ein paar Schritte voraus und Gina sah ihr hinterher. Bis heute war sie fest davon überzeugt, dass die beiden sich brauchten, sich noch immer liebten und vielleicht auch Sehnsucht nacheinander hatten. Aber dieser Tag hatte sie davon überzeugt, dass damals wirklich mehr passiert sein musste, als man ihr erzählt hatte.
„Mama?“
Sie blieb stehen und sah sich um.
„War es wegen mir?“
„Was?“
„Na du weist schon, das Ihr Euch getrennt habt … War das nur wegen mir?“
„Gina … sicher verstehst Du das noch nicht. Aber …“
„Gib mir doch mal bitte eine Antwort. War es wegen mir?“
„Wir haben Dir doch nie gesagt, dass wir uns wegen dir getrennt haben! Wie kommst Du nur auf so einen Unsinn!“
Ihre Mutter versuchte zornig zu werden. Das war ihre Art zu zeigen, dass sie über etwas nicht reden wollte. Wer ihre Wutausbrüche kannte, der fragte auch in solchen Situationen nicht weiter.
„Ihr habt gesagt, dass es besser wäre … für mich…“
„Gina. Ich habe Dir gesagt, dass du es nicht verstehen wirst. Und ich kann es dir nicht so erklären. Vielleicht wirst du irgendwann einmal…“
„Irgendwann, irgendwann … was macht ihr denn da nur für ein Geheimnis draus? Was war so schlimm daran, mit ihm verheiratet gewesen zu sein?“
„Ich sagte doch du verstehst es sowieso nicht!“ Die Stimme ging in das Kreischen über, das Gina zeigte, dass die Grenze erreicht war. Unvermutet sprach sie dann doch leise weiter. „Nein. An dir lag es nicht. Da gab es noch mehr.“
„Was denn?“
„Ach Kind, ich glaube das geht dich nichts an.“
„Ach nein? Das geht mich nichts an! Du lässt dich scheiden und sagst mir: das geht mich nichts an. Klasse!“ Sie suchte nach etwas an das sie treten konnte, fand aber nichts.
„Gina! Nimm dich zusammen und mach vor allem nicht so laut! Was sollen denn die Leute sagen?“
„Hier ist niemand!“ Sie sah sich um, um sicher zu gehen. Bis auf einen Rentner mit Hund war niemand in ihrer Nähe.
„So?“ machte ihre Mutter und zeigte auf den alten Mann.
„Der ist sowieso schon senil!“
„Gina!“
„Mindestens taub!“ Miststück! dachte sie. Sie hat einfach Angst mir die Wahrheit zu sagen. Lässt mich hier fast zwei Jahre ohne Papa herum krepeln und dann ist sie auch noch zu feige mir zu sagen, warum sie ihn rausgeschmissen hat! Bis heute hat sie immer erzählt, dass es so besser für mich ist. Dabei würde ich gern einmal wissen was so gut daran sein soll, mit der da alleine zu recht kommen zu müssen!
„Komm Gina, wir gehen nach Hause…“
Das Gefühl war unbeschreiblich. Es war nicht nur eine enttäuschte Hoffnung, es war der Tod eines Traumes, den sie zwei Jahre lang geträumt hatte.
Nichts würde jemals wieder so werden, wie damals, als sie glücklich von der Schule nach Hause kam, Papa, der das Essen machte und sich den ganzen Nachmittag Zeit für sie nahm. Niemals würden sie wieder, wie eine ganz normale Familie, den Trabant mit allem möglichen Zeug voll stopfen und ins Erzgebirge oder in den Harz fahren. Oder gar an die Ostsee, von der Gina schon so viel gehört hatte. Niemals würde Papa da sein, um sie vor den Anfällen und den Wutausbrüchen ihrer Mutter zu beschützen, wenn es in der Schule wegen einer Kleinigkeit riesigen Ärger gab. Niemals würde sie wieder ein ganz stinknormales Leben haben.

„Darf ich noch zu Sandra?“ fragte sie, als ihre Mutter die Wohnungstür aufstieß. Sie hatte keine Lust den Abend in ihrem Zimmer oder mit endlosen Redereien zu verbringen,.
„Muss das heute sein?“
„Nein.“ Es musste nicht sein. Es wäre auch nur ein Weg dorthin gewesen, wo die Welt noch heil war und man sie gerne sah.
Sie wärmte sie sich Nudeln vom Mittag auf und ging in ihr Zimmer. Dann hörte sie Kathy Mattea und las in ihrem Lieblingsbuch. Es war fast Mitternacht, als sie noch einmal aufstand und ans Fenster ging, um in den Himmel zu schauen. Ein wunderschöner Mond heute. Ihr fiel ein, wie es war, wenn Papa Spätschicht hatte. Dann kam er gegen halb zwölf nach Hause. Sie hatte sich oft wach gehalten, nur um sein Blinzeln zu sehen und den Satz zu hören, der ihr sagte, das alles in Ordnung war: „Jetzt schlaf aber!“ Manchmal, wenn Wochenende oder Ferien waren, durfte sie sogar noch einmal aufstehen. Er trank Bier, sie warme Milch und dann saßen sie einfach nebeneinander auf dem Balkon und schauten nach den Sternen.
Sie hatte es immer toll gefunden, ein Einzelkind zu sein. Alles was sich in der Familie bewegte, drehte sich um sie. Es gab niemanden, mit dem sie ihren Vater teilen musste und niemanden, mit dem sie sich Rangkämpfe zu liefern hatte. Aber nun begann sie sich nach jemandem zu sehnen, den es einfach nicht gab. Jemand, der ihr vertraut war, jemand der auch ohne zu fragen wusste, wie es ihr ging und jemand, der ihr einen Weg zeigte, wenn es gar nicht mehr voran ging. Oft dachte sie daran, dass sie die Scheidung nicht wie andere aus ihrer Klasse nehmen konnte. Für sie war es ein halbes Sterben. Ihr zweites ich hatte sich von ihr getrennt und seit dem war sie auf der Suche, ohne es selbst zu wissen. Aber es gab niemanden und so ließ sie ihr Leben an sich vorbei laufen, wie einen Film, in dem sie zwar eine Rolle hatte, aber nichts an der Handlung ändern konnte.

6

Moriz hatte keine Lust mit den anderen am Tisch zu sitzen. Die Jungs langweilten und die Mädchen hatten ihre eigenen Themen. Außerdem konnte man immer noch besser trinken, wenn man alleine war. Er hatte sich Wodka bestellt. Russischer, wie der Barkeeper behauptete. Aber Moriz wusste, dass er ihn mit Wasser streckte. Das war üblich, wenn einer an der Bar saß, der noch nicht wie achtzehn aussah. Ab und zu wanderte sein Blick zurück zu dem Platz im Restaurant, auf dem heute Nachmittag, das Mädchen gesessen hatte, das ihm keine Ruhe ließ. Jetzt saß dort eine alte, dicke Dame mit einem aufdringlichen Lachen.
„Was die hier zu suchen hat?“ fragte er Schrottie, der schwankend angelaufen kam.
„Hä?“ machte er und tat so als würde er das Clo nicht finden.
Moriz zeigte auf die Tür. Dann bestellte er sich Nummer sechs. Der Keeper hob die Brauen. „Irgendwann reicht’s aber …“
Moriz nickte und wartete auf Schrottie. Er musste noch einmal über das Mädchen sprechen. Immer wieder stand sie vor ihm, wenn er die Augen schloss und sich langsam alles zu drehen begann. Sie war das wovon er geträumt hatte.
Irgend etwas krachte und weckte Moriz aus seinen Gedanken. Schrottie kam breit grinsend angeschwankt.
„Hab kurz den Idioten getroffen.“ erklärte er.
Moriz sah ihn an.
„Na den mit der Berlintusse!“
„Na und?“
„Er lernt gerade schwimmen. Im Clo.“
„Hä?“
Schrottie lachte. Er war breit, das sah jeder. Dann klopfte er Moriz auf die Schulter. „Wass’s los? Biste immer noch verknallt?“
Moriz nickte. Er war bei seinem Lieblingsthema. Aber es wäre besser gewesen, wenn Schrottie nicht ganz so besoffen gewesen wäre.
„Das ist doch auch bloß eine Zicke!“ erklärte er lallend und schlug noch einmal nach seiner Schulter.
„Aber so schön ... die Zicke!“
Schrottie nickte und bestellte sich aus Mitleid mit dem Freund ebenfalls Wodka.
„Hast Du die Augen gesehen ...?“
„Das Zeug ist ja nicht trinkbar! Wie kannst Du nur soviel davon in dich reinkippen. Da kriegste ja Rachitis von!“ Er schüttelte sich und versuchte den Rest in das Spülbecken zu gießen. Er traf einen Stapel mit frischen Gläsern und kicherte dumm. „Nee mein Freund.“ meinte er und versuchte noch einmal nach Morizs Schulter zu schlagen. Er verschätzte sich und kippte vom Hocker.
„Die Augen hab ich nicht gesehen.“ brüllte er, als er versuchte, den hohen Stuhl wieder zu erklimmen.  „Ich hab nach was anderem geguckt ...“ Dann gab er merkwürdige Töne von sich.
Moriz schüttelte den Kopf. „Idiot!“ murmelte er leise und stand auf. Ein Pfund hatte er noch. Das würde für einige Bier reichen, selbst wenn er die Wodkas bezahlt hatte. Trotzdem. „Ich gehe!“ meldete er laut und grüßte militärisch.
„Jawoll, geh und machs Dir ...“ kicherte Schrottie und ließ den Kopf mit einem dumpfen Bums auf das kühle Holz des Tresens fallen. Er hatte genug. Moriz schwieg und winkte ab.

Die kühle Luft auf dem Weg machte ihn nicht nüchtern. Er schaute zum Mond hinauf und fragte sich, ob sie jetzt gerade auch in den Himmel sah. Sie schläft schon! stellte er nach einem Blick auf seine Uhr fest. Behütete Mädchen müssen schlafen. Dann torkelte er an drei kräftigen Jungs vorbei über die Brücke des kleinen Teichs nach Hause.
„Bis bald!“ rief ihm einer hinterher und Moriz zuckte die Schultern.
Nach den Wodkas schaffte er das Einsteigen in sein Fenster nur mühsam und riss etwas um, das laut polterte. „Scheiße!“ schimpfte er leise, um seine Eltern nicht zu wecken. Ohne sich auszuziehen legte er sich auf sein Bett. Es drehte sich um ihn, doch blieb das Mädchen deutlich vor seinen Augen stehen. Ihre Haut, das Gesicht, die langen schwarze Haare. Moriz bemerkte, dass sein Herz erneut zu pochen begann wie am Nachmittag.
Noch einmal stand sie vor ihm und sah ihn seltsam an. Ihren Kopf leicht nach vorne geneigt, so dass die glänzenden schwarzen Haare die schwarzen Augen verdeckten. Und immer noch schimmerten ihre dunkelroten Lippen in der Nachmittagssonne.  Er sah noch einmal ihre schnellen sicheren Bewegungen und den Blick, den sie ihm zuwarf. Die schmalen, dichten schwarzen Augenbrauen zusammengezogen mit der ganz leichten Falte, die senkrecht von ihrer Stirn zur Nase verlief.
Sie wirkte so sicher, unnahbar uns stolz. Noch arroganter als alle Mädchen die er kannte und dabei so mürrisch, das es niemals wagen würde sie anzusprechen.
Es gab doch so viele Mädchen vor denen er keine Hemmungen hatte. Schöne, weniger schöne, gar nicht schöne, dicke, dünne, viel zu dicke, blonde, brünette, schwarzhaarige, komische, lustige, doofe, nette, liebe, willige, unwillige, nahbare und unnahbare. Bei einigen hätte er Chancen, bei vielen nicht, bei einigen hätte er sich bemühen müssen, bei einigen nicht. Aber gegen all diese schien dieses Mädchen etwas ganz besonderes zu sein. Ein Mädchen, das eigentlich gar nicht in das kleine Kaff am Rande der Stadt passte.
Ob sie schon sechzehn ist? Das kann kaum sein, denn wer geht mit sechzehn noch mit Mama und Papa zu Kaffeetrinken? Entweder war sie so eine behütete Jungfrau oder sie ist jünger. Aber fünfzehn wäre auch schon in Ordnung. So neunte Klasse, das würde passen.
Langsam kam der Schlaf. Das Drehen ließ nicht nach, aber mit der Zeit schien es Takt mit dem würgenden Gefühl im Magen zu halten. Scheiß Sauferei! dachte er. Wenn ich sie kenne, werde ich ihr erzählen wie schlecht mir wegen ihr ging, dachte er und dämmerte hinüber in eine Welt, in dem alles weich war.

7

Mühsam erhob er sich als seine Mutter durch das Haus keifte und schlich ins Bad. Voller Ekel schlang er hinunter was sie als Frühstück hingestellt hatte und überlegte, wann er endlich ausziehen konnte.
Jahre dauert das noch! dachte er und stellte seinen Teller ins Spülbecken. „Noch Jahre!" sagte er laut.
Seine Mutter sah ihn verständnislos an. "Was?"
„Werd' ich hier wohnen. Wo ist meine Jacke?"
„Moriz?"
„Ja?"
„Ich bin nicht deine Putzfrau!"
Er warf die schwere Tür hinter sich zu, suchte seine Zigaretten und brannte sich die letzte an. Die zerknüllte Schachtel warf er über den Zaun zum Nachbarn.

Da man staatlicherseits und somit aus unerfindlichen Gründen die Disko in der Parkgaststätte von Sonnabend auf Sonntag verlegt hatte, war der Montagmorgen zu einem Wettbewerb der Abscheulichkeiten ausgeartet. Die Zehnten trafen sich am alten Fahrradständer und klopften sich gegenseitig auf die Schultern, um Mitleid auszudrücken. Selbst die Mädchen verzichteten auf die übliche Schminkerei und zeigten Gefühle.
Moriz blickte auf Schrottie, der gegen eine Mauer gelehnt herumstand und auf das erste Klingeln des Tages wartete. Er dachte so gut es ging an das Mädchen das er gestern ein paar mal kurz gesehen hatte und das ihm noch immer Rätsel aufgab. „Ach Scheiße!" sagte er und trat an den Fahrradständer, der scheppernd zusammenfiel.
„Mitmann!“ brüllte es von oben. „Raufkommen!“ Hochrot gaffte Direktor Kreutsch aus dem Fenster. Moriz nickte und machte sich nachdenklich auf den Weg. Der Rest der Klasse verzog sich, um den Ständer nicht wieder aufbauen zu müssen.
„Sag mal, geht`s noch?“ fragte der Direktor, als Moriz die Treppen zum Sekretariat hinaufgestiegen war und nach Atem rang.
„Tut mir leid. Aber ich habe heute einen furchtbar schlechten Tag.“
„Das hat man gemerkt. Hast Du Probleme?“
Moriz schüttelte den Kopf.
„Du hast keine Probleme, aber einen schlechten Tag?“ der Genosse zweifelte.
„Ja, die Prüfung, die macht mich noch ganz kirre.“  Er war froh, dass ihm diese Ausrede eingefallen war. Wenn Kreutsch dafür kein Verständnis hätte, wäre er nicht Kreutsch, und wie erwartet huschte ein Lächeln über das noch jung gebliebene Gesicht.
„Na da mach Dir mal keine Gedanken.“ sagte er und verschränkte seine Arme vor der Brust. „Du schaffst das schon.“
„Genosse Kreutsch?“
Der Direktor sah sich um. In der Tür zum Sekretariat stand Doktor Bernd und Moriz wurde blass.
Was macht der denn hier, überlegte er. Ob der auch aus dem Fenster gesehen hat?
„Ich komme sofort!“ Er gab Moriz das Zeichen in seine Klasse zu gehen und verschwand mit mysteriösen Doktor hinter der Tür, die Schüler am liebsten von außen sahen.
In den zwei Stunden Physik versuchte er so gut es ging, die Gedanken an ihre schwarzen Augen zu vergessen, um sich ungestört Elektronen, Neutronen und der Theorie der Spaltung von Atomkernen widmen zu können. Es gelang ihn nur für ein paar Minuten. Dann überlegte er, ob diese Unbekannte einen Freund hatte. Ihm gefiel der Gedanke gar nicht, das so ein Wesen ein Duzend Typen kennen musste, die sicher alle erheblich cooler waren als er.
Es sei denn, sie war tatsächlich so ein behütetes Mädchen, das nur zum Spazieren mit Mama und Papa aus dem Haus durfte. Aber was würde aber sein, wenn sie nur zum Besuch aus dem Westen hier wäre? Der Gedanke ließ Moriz zusammenzucken und Frau Stober sah ihn erschrocken an.
„Der hat das immer!“ murmelte Schrottie bekam eine unwirsche Geste als Antwort.
Moriz tippte sich an die Stirn und Schrottie lachte dämlich.
Die muss aus dem Westen sein, dachte Moriz und fühlte, dass ihm schlecht wurde. Na klar, die Klamotten gab es doch hier gar nicht. Und dann sah sie ja auch nicht gerade aus, wie eine von hier. Eher südländisch. Bulgarisch vielleicht? Oder ungarisch? Und ihr Vater ja auch. Solche schwarzen Haare gab es hier gar nicht. Sie musste aus dem Westen sein! Aber sehen so die Mädchen aus dem Westen aus?
Zum Glück klingelte es zur ersten großen Pause und Tom schlug Moriz derb auf den Rücken.
„Na du Casanova! Geh`n mir eine rauchen?“
Frau Stober hob drohend den Zeigefinger und lächelte dann nachsichtig.
„Lass mich!“
„Hey, was bist’e denn so schräg? Hab ich dir was getan oder was?“
„Ich hab heute’n Scheißtag!“ Moriz hatte keine Lust auf Streit und noch weniger auf Erklärungen.
Tom lachte. „Das hat auch schon der Fahrradständer gemerkt. Hundert Jahre hatt’er gehalten, bis Wolzow kam!“
Moriz stand auf. „Du sollst die Scheiße mit dem Namen lassen.“ Er packte Tom am Hemd und rückte ihn gegen die Wand. „Ich hab dir gesagt, noch einmal und …“
„Was und?“ Tom wehrte sich nicht. Er war Moriz überlegen, das wusste er. Aber vielleicht nicht an solchen Tagen.
„Das wirst du schon erleben!“
„Lass ihn. Er hat’s doch nicht so gemeint!“ Schrotti klopfte Moriz sanft auf den Rücken. „Wir wollen heute in Ruhe einen trinken gehen. Und es macht sich schlecht, wenn ihr euch vorher die Fresse brecht!“
„Den Kiefer, du Nuss! Den Kiefer!“ Tom lachte eingeklemmt. „Nun lass man. Ich versprech’s dir! Ich sage nie wieder Wolzow zu Wolzow. Das kannste glauben Wolzow. Ehrlich!“
„Was macht ihr denn da schon wieder?“ Frau Böttger, die kleine gutmütige Dicke der Schule, kam ins Klassenzimmer und klang so genervt, wie nur eine Russischlehrerin klingen konnte. „Geht jetzt bitte. Meine Klasse kommt gleich und die muss nicht sehen, das man sich in der Zehnten immer noch wie im Kindergarten benimmt.“
Moriz hielt Tom immer noch fest, aber sein Griff wurde lockerer. „Du bist echt ein Kumpel!“ flüsterte er, „Aber irgendwann verlierst Du noch ein paar Zähne, wenn du so weitermachst.“
Tom lächelte als Moriz ihn losließ, aber er sah längst nicht mehr so überlegen aus.
„Moriz…“ flüsterte Schrotti und stieß seinen Freund an.
„Was?“ Ohne aufzusehen zog er seine Tasche von der Bank.
„Moriz!“ Schrotti war so leise wie es ging.
„Wass`n nur?“
Dann folgten seine Augen dem starren Blick und er fühlte einen seltsamen Schmerz. Vor ihm, nicht einmal drei Meter entfernt stand das Wesen, von dem er eine Nacht geträumt hatte. Ihr Gesicht schimmerte trotz des fahlen Tages warm und weich, aber die schwarzen Augen sahen derartig spöttisch auf ihn herab, als wäre er ein Zehnjähriger, der noch immer in die Windeln schiß. Ihr linker Mundwinkel zuckte vor Überheblichkeit und ihre Mine zeigte eine Arroganz, die beispiellos war. Doch lag auch etwas in diesem Blick, das ihm zeigte, dass sie sich über das Wiedersehen freute.
Moriz war siedend heiß und er musste alle Kraft zusammennehmen, um seine Tasche ohne Zittern aufzuheben. Auch wenn sie ihn wieder erkannt hatte, gab es kaum etwas, was er noch tun konnte, um ihr zu zeigen, dass er kein Idiot war.
Als sei es die letzte Möglichkeit sie jemals wieder anzusehen, senkte er seinen Blick auf die wadenhohen Stiefel mit den weißen Fransen und den spitzen Absätzen.
Geile Schuhe, dachte er und tastete sich weiter nach obern, über die ausgewaschenen engen Jeans in denen ihre langen Beinen steckten bis zu dem Nieten verzierten Gürtel mit der riesigen Schnalle. Darüber blitzte ein schmaler Streifen brauner Haut unter der kurzen weißen Bluse hervor, deren aufgestellter Kragen einen langen Hals einrahmte, der mit einem eng anliegenden Lederband verziert war.  
Sie war da und ihre Blicke hatten sich getroffen. Es gab sie und sie war in seiner Nähe. Sein Traum von letzter Nacht war in Erfüllung gegangen. Aber nun hatte er sich wahrscheinlich jede Chance versaut.
Das blonde Mädchen das neben ihr stand, flüsterte etwas. Das Wesen lachte und zeigte riesigen weißen Zähne. Moriz wurde klar, dass er inzwischen von ihrer ganzen Klasse angestarrt wurde. Deshalb versuchte er das zu tun, was ihm seine Mutter in den langen Jahren seiner Kindheit immer wieder befohlen hatte: er riss sich zusammen. So schnell wie möglich verließ er das Klassenzimmer, ohne zu bemerken, dass ihm die anderen kaum folgen konnte.
„Da hast du sie ja wieder!“ meinte Schrottie, als Moriz auf dem langen Flur durchatmete.
„Meine Fresse, was rennt ihr denn plötzlich so?“ Tom schloss hinter Frau Böttger lächelnd die Tür und zeigte ihr dann den Mittelfinger.
„Na das war DIE doch!“ Schrottie schlug Tom mit der flachen Hand auf die Stirn.
„Wer war was?“
„Na Wolzows große Liebe!“ Er wedelte mit der Hand, als hätte er sich verbrannt und lachte leise.
Moriz nahm die beiden gar nicht wahr. Er war noch immer bei den schmalen Handgelenken mit dem indianischen Holzschmuck.

8

Gina war seltsam zumute, als dieser Junge mit seinen Freunden den Raum verlassen hatte. Dass er auch auf diese Schule ging, hatte sie gar nicht gewusst. Aber wahrscheinlich war es ihr ja sowieso egal. Sie fand ihn zwar nicht hässlich, aber das war auch schon alles. „Es kommen viele!“ sagte ihre Mutter immer, wenn Ginas Blick auf einem Jungen haften blieb. „Und die ersten sind nie die Besten.“
Gut, der erste den sie etwas länger angesehen hatte, war er ja nun nicht. Und er erinnerte sie an den Nachmittag, als das Wetter schön war. Meinetwegen, dachte sie. Wenn er mich nicht noch mal so dumm anglotzt, werde ich auch versuchen nicht über ihn zu lachen.
Als Frau Böttcher mit dem Unterricht begann fiel ihr ein, das sie ihre Hausaufgaben vergessen hatte. Sie schimpfte leise vor sich hin, bis Sandra endlich die Augen verdrehte und ihr ein Blatt zuschob. Gina lächelte sie dankbar an. In diesem Augenblick hatte sie den Jungen schon vergessen.
Erst am Nachmittag fiel er ihr wieder ein, als sie einsam durch die Wohnung strich und sich wünschte, Sandra hätte nicht mit diesem dämlichen Sport angefangen. Früher hatte sie immer Zeit, aber seit einen Vierteljahr gab es in ihrem Leben zweimal Leichtathletik wöchentlich.
Sandra, die altvertraute Freundin aus Kindertagen. Mit konnte sie über alles reden. Sandra war schlau und hatte auf alles eine Antwort. Außer wenn es um Dinge ging, die mit Jungen zu tun hatten. Dabei schien es Gina, als wolle Sandra auch ahnungslos bleiben.
Ihr war langweilig. Sie legte sich auf ihre Bettcouch mit der bordauxroten Decke und nach einer Weile ertappte sie sich bei dem Gedanken, auf das Fahrrad zu steigen und zum Sportplatz zu fahren. Vielleicht konnte sie sich noch anmelden und schon ab nächste Woche mit Sandra gemeinsam im Kreis laufen oder in durchgeharkte Sandkästen springen. Ihre Mutter hätte dieser Entschluss wahrscheinlich erstaunt. Aber gerade deshalb, und weil Gina Zahnschmerzen jeder sportlichen Betätigung vorgezog, ließ sie es bleiben.
Wenn sie gewusst hätte, das gerade diese Meinung in der sportbesessenen DDR unpopulär war und ihr schon mehr als eine hässliche Randnotiz in der grün gefärbten Schülerakte eingebracht hatte, wäre sie wohl verblüfft gewesen und hätte zukünftig ihr Desinteresse nicht mehr so demonstrativ zu Schau gestellt. Da aber niemand etwas sagte und vor allem die pferdegesichtige Frau Stober nur unwirrsch die Brauen zusammenzog, wenn Gina sich einen Kommentar nicht verkneifen konnte, reihte sich Notiz an Notiz, bis dem Thema Sport in ihrer Akte eine eigene Seite gewidmet werden musste.
Das Gina sich langweilte hatte aber noch einen anderen Grund. Während ihre Freundin Sandra neben dem Sport noch ein umfangreiches Progamm an häuslichen Arbeiten zu verrichten hatte, blieb Gina kaum etwas zu tun. Seit der Scheidung hatte ihre Mutter fast alle Aufgaben im Haushalt allein übernommen, um Gina zunächst ihrer Trauer und später ihrer Freizeit zu überlassen. Gina dachte oft daran, dass sie mit zehn oder zwölf die Treppe gewischt hatte und für das Staubsaugen verantwortlich war. Doch nun, Jahre später, war es, als könnte sie durch Faulheit und Nichtstun Rache an ihrer Mutter dafür nehmen, das ihr Vater nicht mehr zuhause wohnte.
Er heißt bestimmt Dirk, dachte sie plötzlich und war verwundert darüber, dass ihr der Junge wieder durch den Kopf ging. So wie der aussieht, muss er Dirk heißen. Alle die so aussehen, heißen Dirk.
Sie setzte sich auf.
Wieso eigentlich Dirk? Kann man hier, in dieser kleinen Stadt, eigentlich Dirk heißen? Sicher nicht. Jeder der unter zwanzig ist, hat irgendeinen Spitznamen.
Sie legte sich wieder hin und dachte darüber nach, wieso sie eigentlich an den Jungen dachte. Weil er besonders blöde ausgesehen hatte, als er am Geländer stand? Weil er einen anderen Jungen an die Wand drücken und dann mit rotem Kopf verschwinden konnte? Weil er sie so deutlichen von unten nach oben angestarrt hatte, das sie selbst um ein Haar rot geworden wäre und sich nur noch hinter einem überlegenen Blick verstecken konnte? Sollte das ein Grund sein? Jungen waren doof, das wusste sie. Und dieser war bestimmt besonders doof.  
„Gina?“
Sie öffnete die Augen und starrte erschrocken in das Gesicht ihrer Mutter. Dann suchte sie nach dem kleinen orangefarbenen Reisewecker. Er zeigte halb sieben.
„Hast Du geschlafen?“
„Nein … oder … ich weiß nicht …“
„Na Du wirst doch nicht krank werden?“ Die warme Hand ihrer Mutter legte sich auf ihre Stirn. „Also Fieber hast Du nicht.“
„Nein, mir geht es gut.“
„Na dann steh mal auf. Ich mach’ uns gleich etwas zu essen. Dann kannst Du Dich wieder hinlegen.“
Ich will mich nicht hinlegen, dachte Gina und setzte sich auf. Sie schwankte und musste sich festhalten. Ich habe also doch geschlafen, stellte sie fest. Dann ging sie ihrer Mutter nach, in die Küche.

Erklären konnte es eigentlich niemand, aber als sie ihn am nächsten Tag wiedersah, begann ihr Herz zu schlagen und sie hatte das Gefühl, als wäre sie soeben dem sicheren Tod von der Schippe gesprungen. „Was hast Du denn?“ fragte Sandra und ihr abweisendes Gesicht wurde besorgt. „Du wirst Doch nicht krank werden?“
„Adoptier’ mich.“ flüsterte Gina und beobachtete, wie er mit ein paar Jungen auf dem plattgetretenen Sandhaufen stand und sich mit der spitzbrüstigen Blondine herumschubste, die wieder nervtötend kickerte.
Sandra schwieg so vorwurfsvoll wie nur sie es konnte. Irgendwann gab Gina nach und folgte ihr schleppend zurück ins Schulhaus. Auf dem Weg nach oben ließ sie die Absätze ihrer Stiefel auf der ausgetretenen Treppe poltern, um Sandra aufmerksam zu machen. Aber nicht die sah nicht nach ihr, sondern der kleine Herr Weichmann hob den Blick. Seine Augen suchten die Treppe nach dem Übeltäter ab und Gina gelang es in letzter Sekunde auf Toilette zu flüchten und seinen Vorträgen zu entgehen. Schon einige Male hatte er ihr klarzumachen versucht, dass Treppentrampeln so hinterhältig wäre, wie der Klassenfeind.
Erst als es zu Stunde klingelte öffnete sie vorsichtig die Tür des stinkenden Verlieses und schlich auf Zehenspitzen in ihre Klasse. Den vorwurfsvollen Blick von Herrn Mayer leitete sie in Gedanken an diesen Jungen weiter, der die Schuld für den moralischen Minuspunkt trug und nahm sich vor, ihm daraus irgendwann einen Vorwurf zu machen.
Am nächsten Tag sah sie ihn in der Hofpause wieder und am Nachmittag stand er in der Kaufhalle an einer anderen Kasse. Nachdenklich sortierte er drei Sachen in seinem Wagen, bezahlte und ging ohne sich umzusehen.
Am Freitag traf sie ihn an der Post. Sie setzte sich auf das Geländer an der kleinen Wiese und wartete, bis er wieder herauskam. Eine Viertelstunde lang versuchte sie so überlegen zu erscheinen, dass er sie unmöglich ansprechen konnte. Sie wollte ihm zeigen, er für sie so interessant war wie eine weggeworfene Zigarettenkippe. Aber als er endlich vor ihr stand, nicht einmal zwei Meter entfernt, setzte er sich seinen Helm auf und fuhr davon.
An diesem Abend fühlte sie beim Einschlafen das erste Mal in ihrem Leben das der Gedanke an einen Jungen wehtun konnte. Sie war sich sicher, dass er sie absichtlich übersehen hatte. Sie schämte sich dafür und legte sich beim Einschlafen die Worte zurecht, die sie ihm an den Kopf werfen wollte, wenn sie ihn einmal wieder sah.

9

Ein langweiliges Wochenende war vergangen. So sehr er auch am Freitag noch ihr Denken bestimmt hatte, so schnell hatte sie ihn vergessen, als die Zänkereien mit ihrer Mutter wichtiger waren und sie sich in ihr Zimmer zurückzog. Die Luft vor dem Fenster war zwar noch etwas kühl, aber sie roch schon nach Sommer. Aus der Ferne war Musik zu hören und sie dachte sie für einen Augenblick an ihn und überlegte, ob er wohl dort war, wo das Leben zu hören war. Sicher war er dort. Er war ein Junge und konnte machen was er wollte, dachte sie. Vielleicht sogar das blonde Mädchen küssen, das in ihn verliebt war. Vielleicht war sie auch dort?
Natürlich war sie dort. Natürlich war er dort. Alle waren dort. Seit fast fünfzig Jahren ließ sich die Jugend des Kaffs das Heimatfest nicht entgehen. Wahrscheinlich war sogar Papa da, mit seinen Freunden.
Das Zimmer, das bisher immer ihre Zuflucht gewesen war, erschien ihr plötzlich wie ein Gefängnis.
Früher waren sie noch auf dem Fest. Am Vormittag, wie es sich für eine Familie gehörte. Eine winzige Achterbahn gab es, ein kleines Karussell und natürlich niedliche Ponys, auf denen sie reiten durfte.
Abends stritten sich die Eltern, dann marschierte Papa los, um seine Freunde einzufangen und irgendwann kam er laut polternd zurück. Der nächste Streit folgte, aber am Sonntag danach war sie wieder das Wichtigste in seinem Leben.
Traurig, unzufrieden und mit der Gewissheit die wichtigsten Dinge in ihrem Leben zu verpassen kroch sie in ihr Bett und zog sich die Decke über die Ohren. Sie wollte nichts mehr hören von dem Leben anderer und wünschte sich, zu sterben.
Am Montagmorgen wartete sie wie immer auf Sandra. Sie trippelte schlecht gelaunt auf den Gehwegplatten herum bis sie eine fand, die locker war und kippelte.
Das Besondere an diesem Tag war, das ihr Gram nichts mit dem eingefallenen faltigen Gesicht eines Herrn Mayer zu tun hatte, der sie jeden Montagmorgen mit zwei Stunden Deutscher Literatur quälte. Ihre Laune hing eher mit dem schlechten Gewissen zusammen, dass sie ihrem Vater eine ganze Woche lang beweisen wollte, dass sie gut ohne ihn leben konnte. Sie wusste, dass er am Donnerstag auf sie gewartet hatte, wahrscheinlich hatte er sogar etwas gekocht. Aber sie war nicht gekommen, weil sie sich für den Sonntag im Gartenrestaurant rächen wollte.
Gina war sich sicher im Recht zu sein. Trotzdem wurde es ihr von Tag zu Tag schwerer an ihn zu denken. Wenn sie die Augen schloss konnte sie ihn sehen, wie er traurig durch seine Wohnung lief und irgendwann das wunderbare Essen in den Müll warf.
Sandra hatte ihr geraten nicht mehr daran zu denken. Aber wie sie das anstellen sollte, hatte sie ihr nicht gesagt.
Als ihr die Zeit zu lang wurde, sah sie auf die Uhr. Zwanzig Minuten blieben für den Schulweg und Sandra war noch immer nicht zu sehen.
Dummes Gelaber, dachte sie. Die Schnepfe soll sich ihre Ratschläge sonst wohin stecken. Ich werde garantiert nicht mehr zu Papa gehen. Nie wieder!
Als ihr noch fünfzehn Minuten blieben, machte sie sich auf den Weg. Der Strom der Schüler durch das Neubaugebiet hatte schon nachgelassen und Gina legte noch einen Schritt zu, um Herrn Mayer nicht zu reizen. Zu spät kommen hasste er genauso wie Schwatzen, Desinteresse, dreckige Fingernägel, nackte Mädchenbäuche, Westjeans, Plastiktüten, Schmutz- und Schundliteratur, Machboxautos, Rechtschreibfehler, die Bravo, zu tiefe Blusenausschnitte, gammliges Sitzen, freche Antworten, Widerspruch, Moped- und Motorradfahrer, Fans von Chemie Leipzig, frische Blumen, eine verschmierte Tafel, Tintenflecken, Eselsohren, vergessene Hausaufgaben, gefälschte Unterschriften, Schüler und Lehrer die ihn nicht grüßten, Trampeln, ungeputzte Schuhe, Aufnäher von westdeutschen Fußballvereinen und alles, was er als unsozialistisches Verhalten brandmarken konnte. Vor allem aber schien er seine Schüler zu hassen, die er nur an besonders guten Tagen mit unfreundlicher Nichtachtung belobigte.
Ihr Vater hatte ihn einmal „merkwürdig“ genannt, als er von einem Elternabend kam und Gina, ein Ohr fest gegen die Wand gepresst, lauschte. Wie üblich hatte sie danach ihre Mutter keifen hören und war erstaunt darüber das es unpädagogisch sein sollte, mit ihrem Vater einer Meinung zu sein.

Sie war in ihren Gedanken versunken, so dass sie das Moped nicht hörte, bis es neben ihr hielt. Die Hupe erschreckte sie und sie sah auf. Der Junge mit der Jeansjacke stieg vom Sozius und lächelte sie mit feuerrotem Gesicht an.
„Ich hab Dich gefunden!“ sagte er und machte dazu ein komisches Gesicht. Dann gab er dem Fahrer ein Zeichen und der rauschte davon. Ginas Herz klopfte. Unsicher sah sie an ihm vorbei und hoffte, dass er verschwinden würde, wie ein schlechter Traum. Aber dann wünschte sie sich, das er blieb. Aber nur, wenn er gleich wieder ging. Erst dann konnte er bleiben und sie wieder atmen.
„Hallo!“ rief er, als sie nicht reagierte. „Ich hab dich gefunden!“
Von ganz allein zog sich Mitleid über ihr Gesicht. Sie spürte, wie die spöttische Maske entstand. Als sich dann auch noch abfällig ihre Oberlippe hob, konnte sie wieder sprechen. „Ist ja irre. “ sagte sie.  „Aber nun: verlier mich wieder.“
Irgendwas geschah in seinem Gesicht. Das leicht überlegene Grinsen erlosch und die Röte nahm zu. Aber er sah nicht so aus, als würde er aufgeben. „Du hast ganz schön die große Klappe!“ meinte er und Gina fand, dass es anerkennend klang. Für einen Augenblick forschte sie in seinem Gesicht. Dabei zogen sich ihre Mundwinkel von ganz allein ein Stück nach unten.
„Was geht dich das an?“ fragte sie und ging langsam weiter. Diese Jeansjacke sieht unmöglich aus, stellte sie fest. Die muss er loswerden. Der Rest geht. Obwohl die Schuhe, das sind eher Winterstiefel.
Er lief eine Weile schweigend neben ihr her. „Wie heißt Du denn?“ fragte er dann.
„Was geht Dich das an?“ bellte sie zurück und schämte sich für ihre Aufregung.
„Na ich will Dich nicht mit DU DA anquatschen, wenn ich dich wieder einmal treffe.“
„Du sollt mich gar nicht anquatschen.“
„Ach bitte, sag mir doch, wie du heißt. So geheim kann’s doch nicht sein!“  
Sie überlegte wie sie ihn loswerden konnte. „Nummer sechzehn.“ sagte sie und hoffte ihn so neugierig gemacht zu haben, das er neben ihr blieb. Sie wollte, dass er das Gefühl hatte, sich aufgedrängt zu haben. Dann wäre sie nicht verantwortlich und brauchte sich nicht zu schämen.
„Hä?“ machte er und Gina zog die Brauen zusammen. Diese komischen Laute gaben Jungs immer von sich, wenn sie zu doof waren, irgendetwas zu kapieren. Das kannte sie aus ihrer Klasse. Also würde sie es ihm erklären müssen: „Ich bin doch bestimmt die sechzehnte, die du diese Woche anquatschst. Die Tour mit dem Namen ist doch schon uralt.“
Als sie sein plötzliches Grinsen sah, wusste sie, dass ihr Satz nicht viel intelligenter war. Er schwieg und sah auf seine Finger, die er eigentümlich bewegte. Fast schien es, als hätte sie gewonnen.
„Was machst Du da?“ fragte sie und ärgerte sich über ihre Neugier.
„Ich zähle.“ sagte er nachdenklich.
„Und was?“ Die Neugier hinderte sie am Weitergehen. Sie hätte in diesem Augenblick drei Monate Taschengeld geopfert, wenn sie erfahren konnte, was er vorhatte.
„Moment bitte.“ Er schien sie noch immer nicht wahrzunehmen. Ein Gefühl das Gina für einen Augenblick wütend machte.
„Bist Du Hilfsschüler?“ fragte sie.
Er antwortete noch immer nicht, aber grinste irgendwann. „Wenn ich ehrlich sein soll,“ sagte er, „bis du Nummer fünf.“
Gina sah ihn an. So ist das also, wenn man angemacht wird, dachte sie. Ein tolles Gefühl ist das ja nun nicht gerade. Oder ist er einfach nur blöd? Wahrscheinlich. Warum sollte er auch etwas von ihr wollen. „Was willst du eigentlich?“ fragte sie um eine Bestätigung zu finden.
„Ich will dich kennen lernen.“
„Und warum?“
„Weil Du mir gefällst.“
Sie schwieg und genoss diesen Satz. Aber sie war sich noch immer nicht sicher, ob er vielleicht doch nicht ganz dicht war.
„Bitte sag mir doch deinen Vornamen.“ drängte er. „Ich heiße übrigens Moriz. Moriz Mitmann.“
„Soso Moriz. Moriz Mitmann. Wie toll.“
„Du willst mir deinen Namen nicht verraten?“
„Blitzmerker!“
„Und warum?“
„Weil Du mich nicht anquatschen sollst!“ rief sie hoffte er würde nun endlich verschwinden. Oder er würde bleiben. Oder sonst was. Hauptsache, die Situation ginge vorbei.
„Warum darf ich denn nicht Deinen Namen haben? Ist der so geheim?“
„Weil ich nicht angelabert werden will.“  stieß sie hervor und hoffte, dass endlich irgendetwas passieren würde. Aber nichts geschah. Er lief nur einfach neben ihr her und schwieg.
Ein ganzes Wochenende hatte sie versucht ihn zu vergessen und nun stand er vor ihr. Er sollte sie nicht daran erinnern, dass es Leben gab, die lebenswert waren.
Ihr letzter Satz schien ihn verletzt zu haben. Er schwieg beharrlich und wurde langsamer.
Ja komm, verschwind nur! dachte sie, dann muss ich nicht deutlicher werden. Ich bin nun mal so. Es gibt genug Leute die mich scheiße finden. Da bist'e dann in bester Gesellschaft.
„Du da!“ kam es von hinten. „DU DA!“ rief er noch einmal und für den Bruchteil einer Sekunde war sie froh darüber, dass er so starrköpfig war. Jeder andere Junge den sie kannte, wäre schon verschwunden gewesen. Sie sah sich um.
„Du kriegst meinen Namen nicht!“ erklärte sie streng. „Erstens kannst Du ihn sowieso nicht aussprechen und zweitens ...“
„Doch, kann ich!“ behauptete er. „Und was war zweitens?“
„Du nervst!“
„Ich weiß. Aber das muss man manchmal.“
Seine Stimme hatte ein bisschen an Stärke verloren und seine Mine verriet wie er litt. „Find ihn selber raus!“ sagte sie schließlich und lachte. Einen kleinen Schritt wollte sie ihm schon entgegen kommen. Vielleicht würde er dann nachdenken und sich weiter ärgern lassen. Aber viel Zeit blieb dazu nicht mehr. Die große Treppe vor der Schule war schon in Sicht und seine Möglichkeiten zu antworten, wurden von Schritt zu Schritt kleiner.
„Ich warte nach der Schule auf dich.“ rief, als sie Treppe schon ereicht hatte. Sie war froh und hatte gleichzeitig Angst. Sie wusste nicht was sie denken sollte. Aber ihm das letzte Wort zu überlassen, war einfach unmöglich. „Du weist ja gar nicht wie viele Stunden ich heute habe.“
„Doch. Du hast genau sechs. Wie ich.“ antwortete er, brannte sich eine Zigarette an und lächelte verlegen durch den Qualm hindurch.

Als sie die für die Schuldordnung wichtige Handlung beging, das Schulhaus zu betreten, stand Frau Stober wie jeden Montag an eine kleine Säule gelehnt hinter dem großen Tor und trieb die Schüler zur Eile an. Als sie Gina erblickte, zeigte sie demonstrativ auf die Uhr.
Sandra saß schon auf ihrem Platz und sah aus, als würde sie um Gnade flehen. „Ich kann nichts dafür, er hat mich gezwungen!“ sagte sie leise und es fehlte nur, dass sie ihren Blick gesenkt hätte. Gina verstand nichts. „Was?“ fragte sie verwirrt.
„Guten Morgen!“ brüllte Herr Mayer in den Raum. „Aufstehen. Meldung. Sofort!“
Annett Röder, ein dickes Mädchen das wegen ihres unerträglichen Charakters als Gruppenratsvorsitzende geeignet war, stürzte zum Lehrerpult. „Ruhe!“ keifte sie schrill, obwohl kein Ton zu hören war. Dann drehte sie zu Herrn Mayer und meldete die Klasse unterrichtsbereit.
Seine kalten grauen Augen suchten die Klasse ab. Für einen Augenblick blieb sein Blick auf der stramm stehenden Sandra hängen und schweifte dann weiter zu Andreas, der einen Kaugummi in der Backentasche hatte.
„Ausspucken!“ befahl Herr Mayer.
„Das ist doch ekelhaft ..." rief jemand hinten aus der Klasse und einige begannen zu lachen.
Ein Daumen des alten Lehrers zeigte auf den Mülleimer und Andreas raste hin und zurück.
„Freundschaft!“ schrie Annett als Gruß der FDJ heraus und die Klasse antwortete gedämpft „Feindschaft“
Herr Mayer ging zur Tafel und befahl „Setzen!“ Dann schweifte sein Blick ein weiteres Mal über die Klasse.
„Wenn ich jetzt dran bin, bin ich im Arsch!“ flüsterte es hinter Gina. Madeleine Höscher, eine eingebildete Blondine mit blöden berndsteinfarbenen Augen, hatte ihre Hausaufgaben vergessen und Herr Mayer schien das zu riechen. „Madeleine?" hieß es auch sogleich. „Komm nach vorn." Ein sanftes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Herr Mayer war nicht in der Partei. Dafür war seine Strenge gegenüber Mädchen bekannt. Jungen hatten es leichter bei ihm und er sah über manches hinweg. Ein schwatzhaftes Mädchen konnte mit keiner Zwei auf dem Zeugnis rechnen. Allerdings schien er auch kein überzeugter Kommunist zu sein, denn die Arbeiterschriftsteller und deren Klassiker behandelte er mit der gleichen Ignoranz und Überheblichkeit, wie das weibliche Geschlecht. Aus diesem Grund waren solche Schriftsteller von Gina sehr begehrt und mindestens einmal im Jahr übernahm sie es freiwillig, einen Aufsatz über solche Menschen zu schreiben. Mit der guten Note, konnte sie ihre bescheidenen Kenntnisse der echten Klassiker ausgleichen. Da Goethe, Schiller und Novalis zu Mayers Steckenpferden gehörten, wurde mehr Stoff in der kurzen Zeit abgehandelt die der Lehrplan vorsah, was Klassenarbeiten zu diesen Themen zu einer Qual machten.
Als Madeleine angebrüllt, verstört und mit einer Fünf versehen zu ihrem Platz zurück schlich, hatte Gina für einen Augenblick Mitleid mit ihr. Sie wunderte sich selbst darüber, denn normalerweise hasste sie sie leidenschaftlich.
Madeleine bewegte sich leise und sah aus, als würde sie gleich heulen.
Sandra war dafür umso reger. Sie konnte nicht still sitzen und versuchte pausenlos etwas zu erzählen, das Gina nicht verstand. Sie flüsterte und flüsterte, bis sich Gina einen Zettel nahm und schrieb: „In der Pause. Ich muss zuhören!“
Doch den wachsamen Augen des Mayer entging der Zetteltausch nicht. Er stieß wie ein Habicht auf sie zu und rief „Aha“. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust. „Das Fräulein Kessler hat es wieder einmal nicht nötig zuzuhören!“
Sie schwieg, weil das bei diesem Lehrer erfahrungsgemäß das Beste war. Ergeben sah sie nach oben und stellte fest, dass Haare aus seinen riesigen Nasenlöchern wuchsen.
„Was gibt es denn so Wichtiges, das ihr im Unterricht Briefe austauschen müsst?“
Warum denn ich? fragte sich Gina und trat Sandra auf den Fuß.
„Bist du stumm?“
„Nein dumm…“ kam es aus dem Hintergrund und irgendwer kicherte.
„Ruhe! Also?“
„Nein …“
„Dann kannst du uns doch allen den Zettel vorlesen!“
„Nein …“
„Do-och!“ Selbstzufrieden sah sich der alte Lehrer um. „Wir wollen doch alle wissen, was Du so wichtiges mitzuteilen hast!“ Bei einem Schüler war er einmal auf einen Zettel gestoßen, der ihn als „Novalis’ schwulen Kuhknecht“ bezeichnete und hatte sich richtig auslassen können.
„Fraulein Kessler!“ mahnte er und sah drohend auf Gina herab „Würdest Du uns den Zettel vorlesen?“
„In der Pause. Ich muss zuhören!“ las sie leise und sah Sandra an, das sie bereit war unter den Tisch zu kriechen.
Er riss ihr den Zettel aus der Hand. Dann wurde er rot und ging langsam zurück an sein Pult.
„Nun, nach dieser Störung machen wir weiter!“ sagte er, und schaute erhaben über seine Klasse.

„Oh Gina, wenn der mir eine Fünf gegeben hätte, wäre meine eins auf dem Zeugnis futsch!“ Sandra sah aus wie jemand, der knapp an seiner Hinrichtung vorbeigeschrammt war. „Und der hätte das gemacht! So ganz einfach!“ Sie schnippte mit dem Finger und hörte mit entsetztem Gesicht zu, wie es KLACK machte.
Gina versuchte mitleidig auszusehen. Es wurde nur eine Grimasse. Für sie war eine Eins nur noch durch Verkettung vieler glücklicher Zufälle möglich, die schon einzeln unwahrscheinlich waren. Außerdem hätte Sandra ihre Klappe halten können.
„Dann darfst Du einfach nicht im Unterricht quatschen!“ sagte sie nach einer Weile und versuchte es mit einem Lächeln. Sandra bewegte sich keinen Millimeter und schwieg.
„Hast Du `nen Schock? Hallo! Bist Du noch da?“
„Das musst Du gerade sagen!“ antwortete sie nach einer Weile sah noch immer entsetzt aus.
„Na sorry, aber ich hab nur den Mund gehalten, nicht mehr …“
„Trotzdem! Ich hätte sauviel Ärger wegen Dir kriegen können!“ Sie stand auf und ging ans Fenster. Es sah aus als würde sie gleich in Tränen ausbrechen.
„Oh, Streit bei den Verliebten?“ fragte Annett traurig und strahlte voller Freude. Gina gab ihr einen Luftkuss und freute sich über das empörte Gesicht des pickligen Mädchens.
„Entschuldige Sandra. Aber wolltest Du mir nicht etwas Wichtiges sagen?“
„Nichts. Schon gut.“
In diesem Augenblick erschien Moriz auf dem Hof. Er rannte ein Stück und verschwand in einem Gebüsch. Dann kam ein schwarzhaariger Junge und das blonde Mädchen mit den spitzen Brüsten.
Schon wieder die! Kaum hat er sich von mir verabschiedet, ist er schon wieder mit der blöden Schnepfe zusammen, dachte Gina und hatte ein seltsames Gefühl im Bauch.
Sandra interessierte das alles nicht. Sie starrte aus dem Fenster und sah aus, als überlegte sie, wie schrecklich es wäre, zuhause eine zwei in Deutsch präsentieren zu müssen. „Ach Gina!“ seufzte sie „Manchmal ist alles wirklich schlimm...“
Sie brauchte bis zur sechsten Stunde um ihren Schock zu verdauen. Dann taute ihre Haltung merklich auf sie begann mit den Lidern zu klappern, wie ein alter Uhu. Und schließlich begann sie zu reden. Im Klassenzimmer, auf dem langen Flur und die Treppen hinunter, bis sie zur Toilette kamen. Dort blieb sie stehen. „Geh schon mal? Ich komm gleich nach!“
Gina war mit ihren Gedanken bei diesem Moriz. Alles was sie interessierte war, ob er vor der Schule wartete oder nicht. Wenn er da war, konnte sie unmöglich mit Sandra bei ihm auftauchen. Wenn sie mit ihr bei ihm erschien, würde er sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen.
Aber sie wartete auf Sandra. Die Wandzeitung berichtet von den Erfolgen bei der letzten Altpapiersammlung und schloss daraus, dass die DDR auf den richtigen Weg war, den Klassenfeind vernichtend zu schlagen.
Immer wieder wanderte ihr Blick zu dem großen Schultor, vor dem dieser Junge warten könnte. Langsam und möglichst unauffällig machte sie den Hals lang. Er war nicht zu entdecken. Sie spürte wie die Spannung nachließ. Es war ein warmes, beruhigendes Gefühl. Aber es wurde auch alles leerer. Was würde nun werden? Den ganzen Tag hatte sie also umsonst nachgedacht. Die vielen Worte die sie sich überlegt hatte, um ihn zu ärgern ... schade. Dafür würde der Nachmittag ablaufen, wie so viele Nachmittage vorher. Sandra auf dem Heimweg. Sandra in ihrem Zimmer. Sandra die redete. Sandra die sie vorwurfsvoll ansah. Sandra die einfach nur langweilig war.
Dabei wusste sie, dass es ungerecht war. Sandra war ihre beste Freundin und es gab niemanden, auf den sie sich mehr verlassen konnte. Niemanden, der ihr dann beistand, wenn die ganze Welt gegen sie war. Eine Welt ohne Sandra - unvorstellbar.
Doch dann kam ein Kerl und tat so, als würde er sich für sie interessieren. Er versprach etwas, das er sowieso niemals gehalten hätte. Angeber! Großmaul. Logisch, dachte sie, was will er auch mit mir. Sicher hängt er irgendwo mit dieser Blondine rum und labert dummes Zeug. Vielleicht machen sich die beiden auch lustig darüber, wie sie mich verscheißert hatten.
Vielleicht war er doch dort unten? Sie ging noch ein Stück nach vorn und zuckte zurück. Für einen Augenblick setzte ihr Herz aus. Er war tatsächlich da …
"Scheiße!" sagte sie leise. Was sollte sie mit ihm? Er brachte doch nur alles durcheinander. Einen schönen gemütlichen Nachmittag! Alles war gerade noch gut geplant, gewohnt, Alltag. Nun stand er da unten. Was jetzt? Sandra, Mensch! Wo bist du! Was machst Du so lange auf dem Clo?
Sie ging noch einmal ein Stück nach vorn, um nach ihm zu sehen. Er hob den Blick und ihre Augen trafen sich. Nun gab es kein Zurück mehr. Jetzt konnte sie ihn nicht mehr stehen lassen. Jetzt musste sie oder sie könnte sich nie wieder in die Schule trauen.
Sandra! Alles wegen Dir! Sie sah noch einmal nach der Toilettentür, als würde sie von dort Hilfe bekommen. Aber Sandra blieb verschwunden. Also gab es nur eines: eingebildet sein und ihn übersehen. Hoffentlich würde es helfen. Mit dem überheblichsten Gesicht das sie zustande bringen konnte sah sie die Treppe hinunter und streifte ihn nur mit einem kurzen Blick als sie den Abstieg begann.

10

Er war glücklich als er sie sah. Wirklich erwartet hatte er sie nicht. Sie hätte jederzeit einen anderen Ausgang nehmen können. Oder ihre komische Freundin vorschicken. Oder sie hätte sich noch mehr Zeit gelassen. Aber nun stand sie da oben und er spürte das er rot wurde.
Sie blieb einen Moment auf der obersten Stufe stehen und sah erhaben zu ihm hinunter. Der dicke französische Zopf war von vorn zwar kaum sichtbar, aber das straff gescheitelte schwarze Haar schimmerte noch mehr als sonst und verstärkte den überheblichen Eindruck. Für ihn war sie eine wunderschöne orientalische Prinzessin, die nun aussah als würde sie missmutig und belästigt ihre Gemächer verlassen, um sich mit Pöbel abzugeben, der ihr das Leben erschwert.
Er hob die Hand, um ihr zuzuwinken. In ihren Mundwinkeln spielte für einen Augenblick ein Lächeln und gleich darauf übersah sie ihn wieder. Schließlich schwebte sie die Treppe nach unten und lief an ihm vorbei.
Es wäre ja auch zu einfach gewesen, dachte er und ging ihr nach.
Sie lief, als würde sie spazieren gehen. Sie nahm sich Zeit und schaute sich die Sträucher, Zäune und Autos an, an denen sie vorbeikam. Vor einem Wegweiser zur Fernverkehrsstraße blieb sie stehen, als würde sie das erste Mal in ihrem Leben sehen, wo sie lebte.
Er holte auf, kam ihr näher und irgendwann roch er sie. Es musste ihr Parfum sein, das ganz leicht hinter ihr schwebte. Schon heute Morgen hatte er es gerochen, ohne es wirklich wahrzunehmen. Jetzt aber, jetzt stand es ganz deutlich vor ihm und prägte sich in seinem Hirn ein. Er würde es immer wieder erkennen, das wusste er.
Dann war sie nur einen Meter vor ihm. Der Zopf hüpfte auf ihrem Rücken umher, wenn sie den Kopf bewegte. „Gehen wir Eis essen?“ fragte sie plötzlich und sah sich um. Auch wenn ihr Blick nicht gnädiger war als am Morgen, hatte ihre Stimme doch etwas Wärmeres.
Er brauchte eine Weile bis er verstand, was sie gefragt hatte. „Ja...“ stammelte er, „klar.“
Sie lachte und zeigte ihre Zähne.
„Was magst Du denn … für Eis?“ fragte er vorsichtig. Von seinem Mut war nichts mehr geblieben. Den ganzen Tag hatte er an sie gedacht und sogar Claudia von ihr erzählt. Es durfte einfach nichts schief gehen. Sie war einfach zu wichtig.
Statt einer Antwort bekam er nur eine Grimasse zu sehen. Dann sah sie aus, als würde es gähnen. Also startete er einen neuer Versuch: „Du, ich war auf so eine plötzliche Idee gar nicht vorbereitet.“
Ihre schmalen Brauen erhoben sich. „Ach so.“ stellte sie fest. „Warst Du nicht der, der mich von der Schule abholen wollte?“
Es war nichts als Leere in seine Kopf und ihr Blick wurde zu einer Mischung aus Spott und Mitleid.
„Ja. Klar.“ antwortete er. Etwas anderes fiel ihm nicht ein. Bisher waren alle Mädchen zugänglicher, wenn er sie kennen lernen wollte. Aber er hatte es ja unbedingt mit ihr versuchen müssen.
„Gut!“ sagte sie und es schien fast, als wäre sie es, die einen letzten Versuch wagen wollte: „Ich möchte drei Kugeln Schoko. Dazu Eierlikör und Sahne. Und das ganze in einem Glasbecher.“
Schweigend gingen sie nebeneinander her. „Kriegst Du das irgendwie hin?"
„Ja. Klar.“ sagte er und stellte sich in die Schlange. Ein paar Minuten Trennung taten ganz gut. Es half seine Gedanken neu zu ordnen.
Er sah der Dame zu, die Eiskugeln nach einem Klick in Waffeln oder Plasikbecher drückte. Glasbecher waren ein Problem und er musste seinen ganzen Charme einsetzen, um der Freu hinter dem Tresen, einen abzutrotzen.
Als Gina endlich vor ihm saß und ihr Eis löffelte, wusste er wie er weiterkommen konnte. Sie hatte nichts zu verlieren. Trotzdem saß sie mit ihm hier und er begann dankbar zu sein. Wenn er ehrlich war musste er zugeben, das sie den Anfang gemacht hatte.
Was wäre gewesen, wenn sie einfach nach Hause gegangen wäre? Eine Woche hatte er darüber nachgedacht und sich gefragt, wie er sie ansprechen konnte. Eine Nacht in Angst, sie nie wieder zu sehen, eine Woche krampfhaftes Vorbeischleichen an ihrem Klassenzimmer, eine Woche voll mit Überlegungen, wie man ihren Namen und ihre Adresse aus der Freundin herausquetscht, eine Woche ihre Augen im Gedächtnis, die braunen Schultern, die langen Beine, die Klamotten. Eine Woche rätseln wie man sie ansprechen kann.
Sie war so vertieft darin, den Löffel von der Schlagsahne bis ins Eis zu bohren, das er schien, als würde sie nichts um sich herum wahrnehmen. Nur ab und blitzten ihre schwarzen Augen über den Tisch. Dann war wieder alles wie vorher.
Es würde schwer werden. Sie war stark und sicher, ihre Hände bewegten sich so ruhig, als wäre alles von ihr geplant gewesen. Für einen Augenblick musste er an Schrottie denken. „Sie ist eine Zicke!“ hatte er gesagt. Dabei war sie war schlimmer als er ahnte. Mit Zickigkeit konnte er umgehen. Was sie präsentierte war eine arrogante Ablehnung, gemischt mit seltsamer Neugier.
„Was lachst du?“ fragte sie und richtete sich noch weiter auf.
„Ich musste gerade an was Lustiges denken.“
„Und an was?“
„Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hat mir ein Kumpel etwas gesagt.“
Sie wartete gespannt. Nichts an ihr rührte sich. Der Löffel schien samt Hand am Eisbecher festgefroren zu sein.
„Er hat gesagt: Das ist eine Zicke!“
„Na danke!“ Sie zog ein beleidigtes Gesicht und löffelte ihr Eis weiter.
„Bitte.“
„Und wie kommt er darauf?“
„Erfahrung, denk ich…“
„Na hallo!“ Es war schwer festzustellen, ob die Empörung echt war, weil ihr Blick nichts verriet.
Alles oder nichts! dachte er und schob einen ehrlichen Satz nach. "Jedenfalls hab ich mich eine ganze Woche vor Dir gefürchtet."
Ihre Brauen zogen sich zusammen und sie stützte ihr Kinn auf den langstieligen Löffel. "Klar!" sagte sie dann, als würde sie resignieren. "Du bist ein Knilch!" Plötzlich lachte sie und schüttelte den Kopf.
„Knilch ist fies.“
„Na wenn du doch aber einer bist!“
„Bin ich nicht.“
Sie hob kurz die Schultern. „Na ist ja auch egal.“ Ihr Gesicht wurde ernst und sie widmete sich dem Rest vom Eis.
„Schmeckst dir?“ fragte er damit das Gespräch nicht einschlief.
„Nein.“ antwortete sie nach einer Weile mürrisch. „Ich hätte doch lieber die komischen roten Kugeln nehmen sollen. Die schmecken wenigstens nach Chemie.“  
„So schlimm?“
Sie nickte ernsthaft. „Aber dir zuliebe werde ich es aufessen. Hat ja schließlich dein Geld gekostet. Warum hast du mich eigentlich eingeladen? Hast du soviel Geld?“  
„Nein. Aber wenn ich mich schon einmal entscheide, dann ist es mir egal was es kostet.“
„Du hast Dich entschieden? Für was denn?“ Ihre Brauen erreichten ungeahnte Höhen.
Einen Augenblick brauchte er um Mut zu fassen. Dann flüsterte er mehr als er wollte. „Na für Dich hab ich mich entschieden.“
„Du bist ganz schön eingebildet...“ flüsterte sie und schabte am Rand ihres Eisbechers herum.
„Kann sein. Aber ich wollte nicht so lange warten, bis Du Dich entscheidest. Das dauert doch bei Euch Mädels immer so lange.“
„Einbildung ist auch eine Bildung!“
„Ach nicht doch, den alten Spruch. Ich wollte Dich einfach kennen lernen, weil ich mich in Dich am Sonntag ..."
„Was hast Du?" fragte sie wie eine Lehrerin die ihrem Schützling bei der Prüfung helfen wollte.
„Und ich dachte Du magst mich auch ein bisschen.“ sagte er leise.
„Wieso denn, ich kenn Dich ja gar nicht.“
„Du kannst mich aber kennen lernen, wenn Du willst!“
„Keine Ahnung!“ antwortete sie trotzig und auf ihrer Stirn bildete sich eine zarte Falte.
„Na ja“ seufzte er, „dann hab ich halt zwei Mark fünfzig umsonst investiert. Kann vorkommen.“
„Willst Du sie wieder haben?“ Abermals hoben sich die Brauen.
„Klar!“
„Bekommst Du aber nicht! Alles was Du noch kriegen kannst ist der Rest vom Eis.“ Sie schob es ihm zu und zog ihre Tasche an sich. „Ich muss los!“
Der Becher dem sie ihm zugeschoben hatte war leer und sie grinste beim aufstehen. "Hopp!" machte sie und er protestierte still.
Als sie auf die Straße traten, hatte sich der Himmel noch mehr verfinstert. Eine Wolke sah aus wie der Kiel eines riesigen Schiffes.
„Darf ich Dich noch nach Hause bringen?“
„Meinetwegen. Wenn Du Dich nichts Vernünftiges zu tun hast.“ Es klang gleichgültig, aber die schwarzen Augen suchten nach ihm.
„Du könntest mich doch mal was fragen. Irgendwas, was dich an mir interessiert.“
„Na dann könntest Du mir sagen, wie du heißt!“
„Das habe ich Dir heute früh schon gesagt.“
Gina hob die Schultern und er dachte daran, wie sie braun im Sonnenlicht geglänzt hatten.
„Moriz.“ sagte er.
„Aha. Aber das wusste ich aber schon. Ich meinte eigentlich den Nachnamen.“
„Den habe ich dir auch schon gesagt. Mitmannn heiße ich.“
„Ah ja.“ Gina nickte. „Moriz Mitmann also. Toller Name, ehrlich. Doppel-M“
„Nicht so schön wie deiner.“
„Jaja. Blabla.“ Sie ging etwas schneller.
„Hier hab ich mit meiner Oma immer eingekauft, als ich noch klein war." erklärte er ihr vor einem kleinen Konsum. Etwas anderes war ihm nicht eingefallen.
„Da muss ich auch heute noch rein, wenn Mama mal wieder was vergessen hat." sagte sie. „Und die ist so was von vergesslich."
Einen Kuss bekomme ich heute sicher nicht, stellte er fest. Sie war auf seltsame Weise anders als andere Mädchen. Die meisten kicherten herum, plapperten irgend etwas das man schnell wieder vergas oder fragten gleich nach der nächsten Fete.
„Meine labert mich nur ständig zu, mit Schule, Schule, Schule und Schule. Und den Prüfungen."
„Und, kommste durch?"
Moriz zuckte mit den Schultern. „Klar! Noch drei Wochen und wir schreiben die erste. Aber richtig froh werde ich erst sein, wenn die mündlichen durch wären. Und noch froher werde ich sein, wenn ich endlich nicht mehr jeden Morgen diesen dämlichen Kreutsch sehen muss. Der Mann ist die Pest!“
„Finde ich auch.“ sagte sie plötzlich uninteressiert und sah in den Himmel.
„Alles klar?“
„Was soll nicht klar sein?“
„Na, vielleicht magst Du unser Kreutschilein ja auch? Es soll ja einen oder zwei geben ...“
„Mir hat er mal einen Direktorentadel gegeben, weil ich was Blödes gesagt habe.“
„Ach du Scheiße, echt? Dir? Als Mädchen? Echt?“
„Die haben alle zusammen gesessen und haben mich echt rund gemacht. War ein Scheißtag. Und dann noch der Zoff mit meiner Mama.“
Moriz nickte. Klar das Kreutsch sie auf dem Kieker hatte. Alles mit einer großen Klappe war sein Opfer. Ihm fiel Sina ein, Sina Fersendorf, genannt Ferse. Eine kleine Blonde aus der Parallelklasse, die sich stets über ihren Spitznamen aufregte. Kreutsch hatte schon in der siebten Klasse fast zehn Minuten gebraucht, um sie zum Schweigen zu bringen. Mitten in der neunten hatte sie dann plötzlich „die Schule gewechselt“ wie es hieß.
„Hast es diesem Vogel gezeigt?“ fragte er neugierig.
Gina tippte sich an die Stirn. „Klar. Ich hab ihm gesagt das er ein Idiot ist! Kerle, echt!" Sie schüttelte den Kopf und sah ihn wieder an wie eine Lehrerin. Diesmal wie ein die an der Eselsbank steht. „Eh, das war derartig peinlich. Erst im Lehrerzimmer und dann am nächsten Tag in der Klasse. Das war fast so peinlich wie von Dir angequatscht zu werden."
„Zicke!"
„Na danke Du Knilch!"
„Dann sind wir das Zentrakommite!"
"Was?"
"Na Zicke und Knilch - ZK ..."
"Spinner!"
Ihr Block war schon ich Sichtweite und Moriz musste noch einen kleinen Schritt weiterkommen. Sonst würde das Wiedersehen noch schwerer als der heutige Morgen.
„Wer ist eigentlich Dein Klassenlehrer?“ fragte er deshalb und hoffte auf ein neutrales Thema.
„Die Stobern.“
„Ach, die blöde Stobern! Mit der hast du ja echt in die Scheiße gegriffen!“
 „Also Ausdrücke hast du. Aber ja. Die Kuh ist zehnmal so schlimm wie Kreutsch.“
Das fand Moriz nicht. Gut, sie war eine besonders "Überzeugte". Aber sie brüllte nicht rum und verteilte ihre Tadel und Einträge auch nur an die, die sie nicht leiden konnte. Andere hatten Ruhe vor ihr.
„Hattest du mal Mathe bei der?“ fragte Gina.
„Klar. Die haben wir heute noch in Mathe und Physik.“
„Dann hast Du ja auch bei den Prüfungen!“
„Hmm. Aber das geht schon. Ich hab ja weiter nichts mit der zu tun.“
„Aber ich.“ Gina blieb vor einer Garage stehen. "Von meinem Papa!" sagte sie leise. "Für'n Trabbi."
„Gratuliere!" Moriz staunte. „Habt Ihr Beziehungen?"
Sie schüttelte den Kopf und ging weiter.
„Wegen der Stobern musste ich mal Kohlen schaufeln.“ sagte er
„Intelligenzlerpraktikum?"
„Danke. Du bist ..."
„Ja?" Neugierig hoben sich ihre Brauen.
Soll ich jetzt einen Kuss wagen? Es drängte ihn, aber irgendetwas sagte ihm auch, das es noch zu früh war.

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„Na ja, wie vier haben dann Kohlen schaufeln müssen, unter Aufsicht von Frau Stober, die eigentlich nach Hause wollte. Wir haben ausgesehen wie die Schweine und haben uns halb tot darüber gelacht, wie das Pferd zwischen den Staubwolken hin und her tanzte.
„Ja und?“
„Was und?“
„Was war mit dem Lehmann?“
„Ach was weiß ich. Vielleicht hat er sich in die Hosen gemacht. Keine Ahnung!“
Gina schüttelte den Kopf. „Ich finde das gemein!“ sagte sie bestimmt.
„Ehrlich?“ Sie tat doch immer so cool. Was war nun?
„Hey. Der Typ war echt der Vogel. Der hat das verdient!“
„Niemand hat das verdient! Meinetwegen hättet ihr ihn ja verprügeln können, auf dem Heimweg. Aber so was! Der kann sich doch nie wieder in die Schule getraut haben.“
„Ne, isser wohl auch nicht. Irgendwie ist der dann weg, mit seinen Eltern umgezogen oder so.“
Moriz wusste was sie meinte. Aber trotzdem war er froh diesen Kerl los zu sein. Und Gina würde auch noch lernen, warum das gut war. Wenn sie erst mal in der Clique ist, dachte er.
„Hältst Du mich jetzt für ein Arschloch?“ Er hoffte, sie würde das Wort nicht stören. Manchmal hatte er mit solche Ausdrücken Hemmungen bei Mädchen, obwohl er vor kurzem mit Schrottie am Mädchenclo gelauscht hatte.
„Nun ja. Ein bisschen schon. Ein arrogantes Arschloch würde ich sagen.“
„Eh!“
Sie machte einen schnellen Schritt zur Seite und tat so, als würde sie flüchten wollen. Dabei lachte sie endlich wieder.
„Mein Papa raucht f6.“ sagte sie, als er sich eine Zigarette anbrannte. „Er sagt: Club ist nur was für eingebildete Säcke.“
„Was?“
„Sagt mein Papa!“
„Ach so! Na, der muss das ja wissen!“
„Weiß er auch.“
„Und woher?“
„Das weiß ich nicht. Ich kenn’ ja seine Kollegen nicht. Aber das er Recht hat, sieht man an Dir.“
Sie kamen an eine Kreuzung und Gina bog langsam ab.
„Wo willst Du denn hin?“ fragte Moriz. „Zu dir geht es doch gerade aus.“
„Ich geh halt gern Umwege!“ sagte sie bockig.
„Was hast Du eigentlich gegen mich?“ fragte er nach einer unerträglichen Weile des Schweigens.
Sie ignorierte die Frage bis sie vor ihrem Haus stand und sah ihn an. „Was ist?“ fragte sie und lehnte sich an die Haustür. Ihm schien, als wäre sie leiser geworden und würde genau dasselbe denken wie er.
„Ich habe gerade darüber nachgedacht, wie lange es dauert, bis ich Dich wieder sehe.“
„Und wie lange dauert es?“
„Sag ich nicht. Ist eine Überraschung.“
„Ach quatsch!“ Sie kicherte. „Wenn du schon zum zählen bis fünf alle Finger brauchst, dann ist das doch schon höhere Mathematik.“
„Lach du nur. Wirst schon sehen.“
Die breiten Spitzen ihrer Schneidezähne klemmten die Unterlippe ein.
„Dann machs mal gut.“ sagte sie und öffnete hinter ihrem Rücken die Haustür.
„Mach ich auch. Bis dann.“
Die Tür schloss sich und Moriz starrte durch das geriffelte Glas auf Gina, die nach der Post im Briefkasten suchte.
Acht Stunden, dachte er. Acht Stunden bis ich dich wieder sehe. Und Du ahnst noch nichts davon.

Er ging nach Hause. Er fühlte sich so gut wie selten aber er zwang sich zur Ruhe. Zu oft schon hatte er geglaubt, gewonnen zu haben und dann kam doch der Schlag, der alles zerstörte. Also nahm er sich vor, alles noch einmal zu durchdenken.
Schrottie war der Meinung, dass man sich aufdrängen musste. Wer zuviel erzählte wurde schnell der beste Freund eines Mädchens, aber kam für alles andere nicht mehr in Frage.
Doch Moriz schüttelte den Gedanken ab. Ehe er Gina nahe kommen würde, wäre bestimmt schon der nächste Winter vorbei. Und doch war ihm das egal. Er wollte sie in seiner Nähe haben, vertraut mit ihr sein, mit ihr weggehen und den Leuten aus der Clique zeigen, das sie zu ihm gehörte. Alles andere würde irgendwann einmal kommen. Oder auch nicht.

11

Gina hatte ein schlechtes Gewissen, als sie die Treppen hinauf stieg. Fast zwei Stunden hatte sie vertrödelt. Aber es waren zwei Stunden gewesen, die es wert waren. Doch das gute Gefühl verflog und etwas Dunkles legte sich über den Tag, als sie in das finstere Gesicht ihrer Mutter sah, die schon auf der Treppe wartete.
„Hallo Mama… Du bist ja zuhause…“
Die Antwort war ein verrenkter Daumen, der auf die Wohnungstür zeigte. Und die fiel hinter ihr ins Schloss.
„Ich wollte nur mal sehen, wann du aus der Schule kommst, wenn ich nicht da bin!“ Ihre Mutter stämmte ihre Fäuste in die Hüften. „Und übrigens! Du hättest mir ruhig sagen können, dass Du einen Freund hast. Aber mich geht das sicher nichts mehr an.“
Gina nickte. Alles was folgen würde, kannte sie schon. Also ging sie wortlos in ihr Zimmer, legte die Schultasche auf den Schreibtisch und sah sich um.  „Ich habe keinen Freund Mama.“ sagte sie leise. Vielleicht würde es noch helfen, schuldbewusst zu tun.
„Wirklich?“
„Ja. Ich habe ihn erst heute Morgen kennen gelernt!“
„So?“
„Ja. Er hat mich auf dem Weg zur Schule angesprochen. Und am Nachmittag hat er auf mich gewartet.“
„Warum Gina?“ fragte ihre Mutter so voller Traurigkeit, das es beinahe komisch wirkte. „Warum lügst Du mich an? Bin ich eine so schlechte Mutter? Mache ich nicht alles, damit es Dir gut geht?“
„Ja Mama, ja. Aber wirklich. Ich habe ihn erst …“
„Lüge!“
Der Schrei hallte ihr in den Ohren.
„Du lügst und lügst. Nicht einmal wenn Du ertappt bist, gibst Du es zu!“
„Wieso?“ Gina hob die Hände, um die Ohren vor dem nächsten Schrei zu schützen. Im wütenden Gesicht ihrer Mutter rollten die Augen wild umher und der Mund mit den eng zusammengepressten Lippen sah aus wie ein Knopfloch. „Ich gebe dir jetzt fünf Minuten Zeit, mir die Wahrheit zu sagen!“
„Aber Mama …“
„Denk nach! Rate ich Dir, denk nach! Ich habe dir gesagt, lüge mich nie wieder an. Nie wieder! Hast Du das verstanden?“
Gina nickte und war ratlos. Sie wusste zwar nicht, womit ihre Mutter drohte, aber es reichte, dass es gefährlich klang.
„Und?“
„Was soll ich denn sagen? Ich hab doch alles schon erzählt!“
„Der Ton mein Fräulein. Ist das ein Ton, in dem man mit seiner Mutter redet?“
Sie springt von einem Thema zum anderen, dachte Gina. Alles nur, damit man sie nicht festnageln kann. Wenn es wenigstens einen Grund gäbe, das sie sich so aufregt. Ich habe ihr doch gar nichts getan.
„Ist das der richtige Ton?“
„Was soll ich denn sagen? Ich habe Dir die Wahrheit erzählt. Außerdem ist es völlig normal, das man mit fünfzehn einen Freund hat!“
„Dieser Ton! Dieser Ton!“ Ihre Mutter starrte dabei zur Decke als würden dort Geister schweben, denen sie von ihrem Leid berichten konnte. „Ich bin das letzte Stück Dreck für meine Tochter. Das letzte Stück Dreck! Warum nur? Was hab ich dir nur getan?“ Beschwörend hob sie die Hände, als würde sie ekstatisch beten.
Lass mich doch einfach gehen, dachte Gina. Ich muss hier weg. Ich halte das nicht noch einmal aus. Ich war nur mit einem Jungen Eis essen. Mehr war nicht. Was will diese dumme Kuh eigentlich von mir?
Mit einem lauten Knall schloss sich die Tür zu ihrem Zimmer und sie war allein.

Es hatte zu regnen begonnen. An der Bushaltestelle auf der Hauptstraße drängten sich die Menschen eng zusammen, in der Hoffnung noch ein trockenes Fleckchen unter dem verbogenen Wellblechdach zu finden.
Gina suchte durch die mit Tropfen übersäten Scheibe nach der großen dunklen Wolke, die sie vor einer Stunde mit Moriz gesehen hatte. Der Himmel trug aber nur noch ein nicht endendes Grau, das alles was sie spürte nur noch unerträglicher machte.
Heute würde sie nicht einmal gehen können, wenn es mit ihrer Mutter noch schlimmer wurde. Bei diesem Wetter kam sie ohne Schuhe nicht weit. Herrn Riegers Gesicht fiel ihr ein, als sie unglücklich und mit einem blutenden Fuß vor der Tür stand und nach Sandra fragte. Es war fast zwei Jahre her und kurz nachdem ihr Vater ausgezogen war.
Vielleicht würde sie Moriz davon einmal erzählen, wie es war, eine halbe Nacht im Park zu schlafen. Er kannte so etwas sicher nicht, aber er könnte es sich vielleicht vorstellen. Sein Vater war doch da und seine Mutter bestimmt nicht so eine Furie.
Es tat gut davon zu träumen, ihm von dieser schrecklichen Nacht zu erzählen. Er würde still dasitzen, zuhören und wäre für sie da.
Ach was weis DER schon, dachte sie. Ich weiß doch gar nicht was das für einer ist. Ich kenne ihn zwei Stunden und vielleicht meldet er sich auch nicht wieder.
Aber wenn es ihn nicht interessiert, wem soll ich es sonst erzählen? Sandra? Die würde es nie verstehen. Sie lebte in einer anderen Welt, in einer riesigen Familie in der sie auch noch mit fünfzehn die Prinzessin war. Sie hatte eine Mutter die niemals laut wurde und einem Vater, der jeden Abend nach Hause kam und nach ihr sah.
Gina hauchte die Scheibe an und sah, wie sich die graue schmutzige Welt in einen milchigen Schleier hüllte.
Und was ist mit mir? Keinen Menschen auf der Welt interessiert es, wie ich mich fühle. Mama nicht, aber auch nicht Papa, der in seiner kahlen Einraumwohnung hockt und jede freie Minute vor dem Fernseher sitzt, um das Gefühl zu haben, das irgendetwas in seiner Nähe lebt. Sollten die beiden sich doch einen Hund kaufen. Aber dann werden die beiden wahrscheinlich wegen Tierquälerei eingesperrt, wenn sie mit den Kötern umgehen, wie mit mir.
Sie stieß sich vom Fensterbrett ab und spürte einen derben Schlag. Für Sekunden blitzte es hinter ihren Augen. Ach ja, da steht ein Schrank! dachte sie und presste ihre Hand auf die schmerzende Stelle am Hinterkopf. Einen Moment lang war ihr danach, den ganzen Schmerz herauszuschreien, aber sie biss sich auf die Lippen, kniff die Augen zu und schwieg.
„Gina? Ist alles in Ordnung?“
Ihre Mutter steckte ihren Kopf zur Tür herein. Wahrscheinlich hatte sie den dumpfen Schlag gehört.
„Ja klar.“
„Wirklich?“ Der Ton war nicht mehr grimmig, sondern fast mitleidig.
„Ja. Alles klar.“ Gina hatte keine Lust mit ihr über das zu sprechen, was wirklich wehtat. Es wäre auch sinnlos gewesen.
„Darf ich reinkommen?“ Wie üblich tat ihre Mutter, als würde sie sich scheuen, das Zimmer zu betreten.
„Ja.“
„Ich wollte noch einmal vernünftig mit dir reden.“ begann sie und setzte sich auf die Couch.
Gina starrte vor sich hin.
„Warum kannst Du denn nicht bei der Wahrheit bleiben?“
„Wobei denn bitte.“
„Wobei denn?“ fuhr sie auf. „Ich wollte es noch einmal vernünftig versuchen. Aber scheinbar hast Du daran kein Interesse.“
„Doch. Aber du kannst doch nicht einfach behaupten, ich würde lügen.“
„Es hat keinen Zweck mit dir. Ich schaffe es nicht. Ich kann nicht zu dir vordringen.“
„Aber Mama! Woher nimmst Du denn nur die Behauptung, ich würde lügen? Wobei denn nur?“ Gina konnte es nicht verstehen. Ihre Mutter bildete sich ein, belogen worden zu sein und sie sollte die Erklärung für diesen Wahnsinn finden.
„Das weißt du doch selbst am besten.“
Gina zuckte mit den Schultern. Was soll’s! dachte sie. Dann behaupte es meinetwegen weiter.
„Siehst du, jetzt zeigst du mir noch, dass es dir völlig egal ist. Nur nichts zugeben. Nur nichts zugeben.“ Wie immer wenn sie etwas wiederholte, war sie dabei, sich in die nächste Raserei zu steigern. „Nicht wahr?“ keifte sie, „Es ist doch so! Dir ist es egal. Und weil es Dir egal ist, lügst du mich an.“
„Mama! Du behauptest und behauptest. Dann sag doch nur mal wo ich gelogen haben soll. Sag mir doch mal einen Fall!“
„Da ist er wieder, dieser Ton!“
Der kurze Augenblick, in dem Gina plötzlich die Energie gespürt hatte, ihre Mutter herauszufordern, war vorbei. Kraftlos ließ sie sich wieder auf ihren Sessel fallen und drehte sich zum Fenster.
„Warum redest Du so mit mir? Womit habe ich das verdient, das mein eigenes Kind so mit mir redet?“
Ihre Stimme klang so traurig, als würde sie sich fragen, warum sie nur mit ihr bestraft wurde. Stufe Drei, dachte Gina und sprang auf: „Weil Du mich verrückt machst mit diesem Lügen!“ schrie sie und kam sich dabei vor so irre vor, wie ihre Mutter, die erschrocken ein Stück zur Seite wich. „Womit Mama, womit habe ich dich heute belogen? Sag es mir bitte! Bitte sag es mir!“
Deutlich war Frau Schuhmanns Klopfen zu hören, die sich damit über die Lautstärke der Nachbarn beschweren wollte.
„Wie du mit mir sprichst...“
„Nein Mama, nein. Weich mir doch nicht wieder aus. Sag mir jetzt und jetzt oder oder ...“ Sie kam ins Stocken, weil ihre Unterlippe zu kribbeln begann und sie das Gefühl hatte, die Kontrolle über ihr Gesicht zu verlieren.
„Dieser Ton. Wie das letzte Stück Dreck ... ich komme hier um mit dir zu reden und du ...“
„Wann habe ich Dich belogen. Wann?“
„Na heute! Mit diesem Jungen!“
Gina ging zu ihrem Sessel zurück.
„Von wegen Du kennst ihn nicht. Schon an diesem Sonntag habt ihr euch ...“
„Dort habe ich… ich habe ihn dort das erste Mal gesehen.“ Sie spürte, wie die Tränen über ihr Gesicht zu laufen begannen. Das konnte nur Irrsinn sein!
„Na siehst du. Warum sagst du denn das nicht. Ich habe doch nichts dagegen, wenn du mit einem Jungen Eis essen gehst. Aber deswegen musst Du doch nicht lügen.“
Gina sah wieder aus dem Fenster. Der Bus schien die Menschen an der Bushaltestelle aufgesammelt zu haben, denn das kleine Häuschen war leer. Früher, dachte sie, war irgendwann Papa nach Hause gekommen, und hatte mich erlöst. Heute kam keiner mehr und alles auf was sie noch hoffen konnte, war die finstere Einsamkeit ihres Zimmers.
„Ich weiß nicht mehr, wie das weitergehen soll. So kann es nicht weitergehen. Hier muss etwas passieren.“
Ja ja, dachte Gina. Dann soll eben was passieren. Meinetwegen. Das ist mir alles so scheißegal. Sie sah ihrer Mutter nach, die mit hängenden Schultern aufstand und wortlos aus ihrem Zimmer ging.

12

Als Moriz auf die Gehwegplatte vor seinem Haus trat, war er pitschnass. Das Mädchen hatte er versucht zu vergessen, um sich endlich um seine Prüfungen kümmern zu können. Sie war zwar schön und es war spannend mit ihr zusammen zu sein – sie hätte ihm aber nicht einmal bei den Prüfungsvorbereitungen helfen können, wenn sie gewollt hätte. Also schnippte er die Zigarette weg, zog er die Schultern ein und hastete die letzten Schritte ins Haus.
„Wo kommst Du denn her?“ wurde er gefragt, als er die Jacke auf den Bügel hing. Seine Mutter stand hinter ihm und hatte ein Staubtuch in der Hand.
Er antwortete nicht. Sie sollte ihn in Ruhe lassen.
„Ich hab dich was gefragt!“
„Aus der Schule. Woher denn sonst?“
„Es ist fast vier! Du hast in bald deine Prüfungen. Normalerweise solltest Du auf deinem Hosenboden sitzen und lernen.“
„Ja ja. Ich fang gleich an.“ Er ging an ihr vorbei in den langen düsteren Gang mit dem Kokosläufer, der zu seinem Zimmer führte.
„Hast Du schon was gegessen?“
„Nein, was denn und vor allem: Wo denn?“
Frau Mitmann schüttelte den Kopf. „Du musst doch was essen Junge! In deinem Alter braucht man das.“
„Na dann mach was. Ich gehe jetzt lernen.“
Sein Zimmer war noch düsterer als an allen anderen Tagen. Missmutig ließ er sich an seinem Schreibtisch nieder und nahm sich das Physikbuch vor. Aber egal welches Kapitel er aufschlug, ständig drängte sich Gina in seine Gedanken und er überlegte, ob er alles richtig gemacht hatte.
Nach und nach ging er jeden Teil des Gesprächs noch einmal durch und versuchte herauszufinden, ob sie sich dafür interessiert hatte. Er fand auf alles Antworten, nur auf eine Frage nicht: Wollte sie ihn wieder sehen?
„Und wie lange dauert es?“ hatte sie gefragt. Konnte das heißen, das sie auch darauf wartete oder hatte sie das nur so dahin gesagt?
Die Zimmertür sprang auf und seine Mutter erschien mit einem riesigen Teller mit belegten Broten.
„Ich hab dir von allem was gemacht.“ sagte sie. „Leberwurst, Blutwurst und Käse.“
„Danke.“
„Und iss das gleich. Du brauchst Kraft für deine Prüfungen.“ mahnte sie.
„Ich brauch Kraft für was ganz anderes.“ flüsterte er.
Fragend hob seine Mutter die Brauen. „Was? Für was?“
„Ach nichts.“
„Moriz? Wofür brauchst du Kraft?“
„Wir gehen heute Abend noch mal zu Heinz. Da brauch ich Kraft.“
Es war leicht, seine Mutter zu ärgern. Sie war dann immer so besorgt und hätte ihn gern mit ihrer Überheblichkeit angesteckt.
„Aber Moriz. Du gehst dorthin?“ barmte sie. „Dort wo nur die Assis hingehen? Bist Du Dir nicht zu schade dafür, jetzt, wo du bald auf die EOS kommst?“
„Keine Ahnung. Hab nicht drüber nachgedacht.“
„Und deine Freunde! Oder die so genannte Freunde. Die stehen doch alle schon mit einem Bein im Zuchthaus.“ Sie rang die Hände. „Ist das wirklich der richtige Umgang für dich?“
„Nein, sicher nicht. Schrottie ist viel schlauer als ich. Dem bin ich nicht gewachsen. Der kommt sicher mit `ner eins von der Penne. Ich nur mir einer drei.“
„Moriz!“
„Was?“
„Du weißt genau was ich meine. Ich denke da an den dummen … wie heißt der …“ Sie tat, als würde sie überlegen und Moriz versuchte seinem Blick etwas Mitleidiges zu geben.
„Macke?“ half er  vorsichtig.
„Ihr mit euren Spitznamen.“ Unwirsch schüttelte seine Mutter den Kopf. „Wenn ich daran denke, wie dieser Uwe dich mal genannt hat. Was du hättest für Ärger bekommen können!“
„Ja Mama. Kann ich jetzt weiterlernen?“
„Ja natürlich. Wenn Du etwas brauchst, ruf einfach.“
„Mama?“
„Ja?“ Liebevoll sah sie auf ihn herab.
„Der Aschenbecher fehlt.“
Aus der liebevollen Mine wurde eine eisige. „Du rauchst nicht! Nicht solange Du Deine Füße …“
„Die ungewaschenen …“
„Du bist unverschämt! Wenn ich das Deinem Vater erzähle!“
Moriz nickte. „Entschuldige. Aber ich bin einfach nur nervös.“
„Du schaffst das schon. Bisher haben es alle geschafft.“
„Ja Mama.“
Er sah zu, wie sich die Tür schloss und dachte an Gina. Sie hatte es so gut. Wenn sie nach Hause kam war keiner da, sie hatte ihre Ruhe und wahrscheinlich auch keinen Stress mit ihrer Mutter.

Als es so dunkel geworden war, dass er Licht machen musste, legte er das Physikbuch endgültig zur Seite. Es hatte heute keinen Sinn. Er brauchte jetzt ein paar Freunde, zwei oder drei Wodka und Mut um Mitternacht. Aus einem alten Zeichenblock riss er die letzten zwei Blätter heraus und legte sie auf seinen Schreibtisch. Eigentlich hätte er mehr gebraucht, aber nun musste es so gehen.
Mit einem dicken schwarzen Filzstift malte er auf ein Blatt ein „JA“ und auf das andere ein „NEIN“. Dann faltete er die Blätter zusammen und legte sie auf seine Brieftasche, in der die letzten zwanzig Moriz Taschengeld für diesen Monat waren. Bald würde er blank sein und wieder bei seinem Vater betteln gehen müssen, um wenigstens tanken zu können.
Er nahm sich seine älteste Jeansjacke und ging in die Küche.
„Ich mach dann mal los.“ sagte er.
Seine Mutter sah ihn besorgt an. „Pass bloß auf, mit wem du Dich abgibst! Nicht das Du dir alle Wege verbaust!“
„Mach ich. Klar doch. Und ich hab schon wie ein Verrückter gelernt.“
„Es wäre schön, wenn ich das glauben könnte.“
„Kannste. Tschüssi!“

13

Als Gina sicher war, dass ihre Mutter schlief, stand sie noch einmal auf und schaltete den Plattenspieler ein. Sie drehte die Lautstärke so weit herunter, das die Musik gerade das Kratzen der Nadel übertönte. Auch wenn sie beim Abendbrot fast normal miteinander gesprochen hatten, war es schwer für sie, den Nachmittag aus dem Kopf zu bekommen. Gern hätte sie einmal in Ruhe über Moriz nachgedacht, darüber wie es wäre einen Freund zu haben und über die Dinge, die sich mit ihm in ihrem Leben ändern würden.
„She came from Fort Worth“ begann und mit dem Lied ein stiller Weinkrampf. Seit sie mit Sandra einige Texte übersetzt hatte, war Kathy noch bedeutsamer für sie. Früher war es nur die Musik, die an die Vergangenheit erinnert hatte. Heute wusste sie, was sich hinter der Musik verbarg und das andere Menschen ähnlich fühlten, wie sie. Aber es gab einen Unterschied: Die Frau, von der Kathy sang, war erwachsen und konnte sich einfach in einen Bus setzen und durch das Land fahren, bis alle Erinnerungen verschwunden waren.
Gina konnte das nicht. Sie war an ein Leben gefesselt, das sie noch bis vor wenigen Tagen geliebt hatte, obwohl sie lange dabei zusah, dass das Schöne daran wie Butter in der Sonne schmolz.
Zuerst war ihr Vater gegangen. Er war noch bei ihr, wenn sie die Augen schloss. Dann saß er neben ihr auf dem Bett und sie konnte sich mit ihm unterhalten.
Ihre Mutter wurde ihr immer unerträglicher. Sie wusste nicht mehr, ob sie sie lieben oder hassen sollte.
„Never look back“ war das nächste Lied auf der Platte.
Nein, ich seh mich nicht um, dachte sie. Ich will mich nicht umsehen. Warum sollte ich auch? Es war einmal schön. Und heute schmerzte jeder Gedanke an die Kindheit.
Die Musik erinnerte sie daran, das sie eine lange Nacht wach gelegen hatte und zuhören musste, wie sich andere Menschen vergnügten. Andere Menschen, Menschen die sie vielleicht täglich im kleinen Kaff traf und zu denen vielleicht auch der Junge gehörte, der sie heute angesprochen hatte. Er sah nicht so aus, als würde er jeden Abend auch nur den Geräuschen vor den Fenstern zuhören. Er sollte jemand sein, der sich nachts aus der Wohnung schleicht und dann bis zum Morgen mit seinen Freunden in einer Disko herum sitzt. Er sollte jemand sein, der seiner Mutter die Meinung sagt und sich nicht in sein Zimmer schicken lässt. Jemand, der aufsteht, wenn ihm etwas nicht passt und der zur Not auch einmal zuschlägt, wenn es sein muss.
„Warum hast Du mich alleine gelassen?“ flüsterte sie in die Nacht. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Vater saß neben ihr. Er sah vorwurfsvoll aus. „Sag mir doch, warum!“ Als sie die Augen öffnete war er verschwunden und mit einem Mal begriff sie, das sie wohl niemals das erleben konnte, was sie sich erträumte. Und der Junge, von dem sie sich wünschte, dass er so wäre wie sie wollte, würde auch nur ein Traum sein.
Sie schob die Decke zur Seite, stand auf und schaltete den Plattenspieler aus. Am Fenster gewöhnte sie ihre Augen an die Dunkelheit und sah dann die drei Fahrradständer aus Beton.  Es würde nicht schwer sein. Noch ein kleiner Stoß mit dem Fuß und sie würde nur wenige Sekunden später dort unten liegen. Aber es würde auch wehtun. Benommen von dem Gedanken und enttäuscht von ihrer eigenen Mutlosigkeit kroch sie zurück in ihr Bett und heulte sich in den Schlaf.

13 a

„Na dann lass Dich mal verscheißern.“ sagte Tom, als Moriz ihm von seinem Plan erzählte. „Wenn das schief geht, dann biste die Lachnummer an der ganzen Schule.“
„Ich weiß!“ Er schüttelte sich wegen abgestandenen Cola, an der er schon eine halbe Stunde trank.
„Aber machen wills’tes trotzdem?“
„Ja. Irgendwas muss ich machen. Die ist einfach eine harte Nuss. Du hättest die mal hören sollen. Da schlackerste nur mit den Ohren.“
„Die große Fresse!“ mischte sich Claudia ein, „Aber nischt dahinter.“
„Na du musst das ja wissen, Schnecke.“ Schrotti brachte eine neue Trommel und verteilte großzügig. Wahrscheinlich hatte er nicht selbst bezahlt. Moriz schüttelte den Kopf.
„Wenn ich wieder zurück bin.“ sagte er und griff nach seiner Jacke. „Ich geh dann mal.“
„Sollen wir mitkommen?“ Tom stand auf, als würde er es ernst meinen.
Das hätte ihm gerade noch gefehlt. „Ne, mach ich selber.“ sagte er.
„Ich drück dir was!“ rief ihm die dicke Nicole nach und die Jungs lachten dämlich.
Manchmal können Mütter durchaus Recht haben, dachte er, als er sich an der Windfangtür noch einmal zu seiner Clique umsah. Mit diesen Tüten ist echt kein Staat zu machen, dachte er, als er sich den Helm aufsetzte.
Wie üblich war Moriz zu zeitig. Er fuhr einmal an Ginas Wohnblock vorbei und sah, dass in ihrem Zimmer noch schummriges Licht brannte. Außer einem Wohnzimmerfenster, zwei Eingänge weiter war es der einzige Lichtpunkt am ganzen Block.
Er fuhr auf einen der größeren Parkplätze und schloss die Maschine sorgfältig an. Dann schlich er über die Wiese zu einem Gebüsch, das neben einer Straßenlaterne direkt unter dem Fenster lag, hinter dem er Gina vermutete. Dort sortierte er die Zettel und brannte sich eine Zigarette an.  Noch drei Minuten, dachte er. Dann ist es genau Mitternacht.

14

Gina fuhr hoch und war hellwach. Sie sah sich um und suchte nach ihrem kleinen blauen Reisewecker. Mitternacht. Dann hörte sie einen Pfiff. Nicht laut und aufdringlich, sondern vorsichtig. Es klang wie ein Signal Neugierig stand auf und beugte sich aus dem Fenster. Die Nachluft roch nach Feuchtigkeit aber auch nach einem heißen Sommer, der nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.
Unten löste sich ein Schatten von dem struppigen Gebüsch und trat in den gelb schimmernden Lichtschein der Straßenlaterne.
Ihr Herz schlug bis zum Hals. Er war hier wegen ihr und winkte. Das kann doch nicht wahr sein! dachte sie und ging zurück ins Zimmer. Von unten war nichts zu hören, aber denken konnte sie trotzdem nicht.
„Bist du verrückt?“ flüsterte sie, als sie sich wieder herausgebeugt hatte. Er nickte und hielt ein weißes Blatt Papier nach oben. Gina las das JA und griff sich an den Kopf. Was sollte sie nur mit ihm machen. Einfach das Fenster schließen? Das würde sie nicht fertig bringen. Aber noch mehr Ärger mit ihrer Mutter konnte sie auch nicht riskieren. Außerdem gab es noch andere Leute im Haus.
„Geh nach Hause!“ flüsterte sie und Moriz tauschte unten die Zettel aus.
Sie lachte. „Was willst Du denn?“ Aufmerksam horchte sie in die Wohnung. Ihre Mutter schien tief und fest zu schlafen.
„Ich habe Dir versprochen das ich ….“
Gina fuchtelte mit den Händen, um ihn ruhig zu stellen. „Morgen!“ flüsterte sie.
„Versprochen?“ fragte er und sie presste ihren Zeigefinger auf die Lippen, bis er nickte.
„Ja!“ hauchte sie, als er eine Hand hinter sein Ohr hielt und betete dabei, dass er bald gehen würde. Er lachte leise, winkte ihr noch einmal und verschwand in der Dunkelheit.

14 a

„Du hast mich gestern ganz schön dumm rumstehen lassen!“ Sandra tat zornig. „Ne halbe Stunde hab’ ich gewartet. Dann kam zum Glück Annett und sagte mir, das du mit deinem Schäks schon wegbist.“
„Schäks?“ Gina zog die Brauen zusammen.
„Hat sie gesagt.“
„Meinetwegen, dann isse wenigstens neidisch.“
Sie sah sich um, ob er irgendwo auftauchen würde. Aber es war kein Motorrad in der Nähe.
Sandra sprach weiter, aber Gina war mit den Gedanken ganz woanders.
Sie hoffte, dass sie ihn nur übersehen hatte, wurde aber enttäuscht. Erst kommt er Mitternacht, dachte sie, und dann? Er ist halt doch genau so eine Pfeiffe wie die anderen.
„Aber so schlimm ist das nicht.“ hörte sie Sandra sagen, als sie wütend wurde.
„Was?“
Sandra blieb stehen. „Na so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht. Ich denke er kriegt heute die große Schraube.“
„Für was?“ frage Gina automatisch.
„Für das Tomatenbeet.“
Ihr war nicht klar, wozu man eine große Schraube am Tomatenbeet brauchte, war aber auch nicht daran interessiert zu fragen. Dann sah sie ihn. Er stand in der Gruppe, die sie schon vor dem Gartenrestaurant gesehen hatte. Sie blieb kurz stehen, besann sich dann aber und ging weiter. Sandra sah ihr verwundert zu.
„Gina!“ Sie hatte seine Stimme sofort erkannt.
„Hast Du gut geschlafen?“ fragte er und wurde rot.
„Ging so. Bis auf einige nervige Störungen.“
„So?“
„Ja. Es treibt sich neuerdings allerhand Gesindel bei uns rum. Nachts unter Laternen. Pfeiffen halt…“
„Ist ja unverschämt!“
„Sag ich auch. Vor allem wenn ich am nächsten Tag schon fünf nach sieben aus dem Haus muss. Dann nervt das besonders.“
„Aber früh ist das Gesindel weg?“
„Ja. Sonst hätte man sie doch erwischt. Und dann wäre es ihnen schlecht ergangen!“  
„Kommen die jede Nacht?“ fragte Moriz und trat seine Zigarette aus.
„Nein. Die sind sehr unzuverlässig.“  
„Bist du da ganz sicher?“ Er hob eine Braue.
„Ganz sicher!“
„Ist schon furchtbar, die Jugend von heute …“
Sandra scharrte mit den Hufen. „Ich muss jetzt ...“ sagte sie und ging langsam weiter.
„Du auch, oder?“ Moriz nahm den letzten Zug von der Zigarette und schnippte die Kippe über die Straße.
„Ne, ich hab 5 Minuten später …“ antwortete sie „In uns’rer Klasse fängt jeder einzeln an.“ Dann überlegte, warum sie nicht etwas netter sein konnte.
„Na, machs mal atsche.“ Er winkte ihr kurz zu und sah etwas genervt aus, wie sie fand.
Er verschwand mit einem schwarzhaarigen Jungen im Schulhaus und ein schneller Schritt brachte sie wieder in Sandras Nähe.
Als auf ihr Klassenzimmer zusteuerten hielt sie Sandra auf. „Hast Du wirklich irgendwas mit dem?“ fragte sie und hielt unnachahmlich den Kopf schief.
„Er war Mitternacht bei mir.“ antwortete sie und ging an ihren Platz. Sandra blieb mit großen Augen an der Tür stehen.
„Na, Sandra. Wollen wir dann?“ Frau Stober drängte durch die Tür, die Sandra versperrte.
„Ja… ja ja, natürlich!“
Sie ging zu ihrem Platz und packte ihre Tasche aus. „Ich verstehe Dich nicht.“ flüsterte sie. „Aber ich konnte nichts dafür. Ich musste ihm deine Adresse geben. Sonst wäre ich ihn nie losgeworden.“
Annett startete wie jeden Morgen den Unterricht mit der Fertigmeldung und dem schrillen Aufschrei: „Freundschaft.“ Dann ging sie zu ihrem Platz und bohrte Gina ein Lineal in den Rücken.
„Aua! Sag mal geht’s noch?“
„Hast du jetzt was mit einem aus der Zehnten?“ wollte sie wissen. Dabei beugte sie sich so weit nach vorn, wie es ihr gewaltiger Vorbau zuließ. „Hä? Sag mal. Gehst Du mit dem?“
Gina zeigte ihr den Vogel. Dann überlegte sie, welche Überraschung heute auf sie warten würde. Solange das Theater mit ihrer Mutter noch nicht ausgestanden war, sollte er am besten fernbleiben. Oder doch nicht?
Um sich abzulenken wand sich einige Minuten den unverständlich zu berechnenden geometrischen Figuren an der Tafel zu.
„Haaaallllooo!“ rief es von hinten. Annett gab keine Ruhe, bis Frau Stober das Bekritzeln der Tafel abbrach. Sie blickte durch die Klasse, bis sie jemanden fand, an dem sie Rache für die Störung nehmen konnte. „Gina!“ befahl sie, „Komm nach vorn!”
Sie stand auf. „Warum …“ fragte sie, obwohl ihr klar war, das es darauf nur eine dumme Antwort geben würde. Aber man konnte es ja einmal versuchen.
„Wenn Du Zeit zum Quatschen hast, musst da ja schon verstanden haben, worum es hier geht. Und du kannst uns das ja mal zeigen!“
Das habe ich nun davon, dachte sie. Wer dumm fragt .... Aber trotzdem. „Ich hab nicht gequatscht!“ protestierte sie leise.
„Das ist mir egal! Komm nach vorn!“
Ihr wurde es heiß und sie spürte, dass sie wieder rot wurde. Warum lässt mich dieses Pferd nicht einfach mal in Ruhe. Ich hab ihr doch nichts getan.  Auf dem Weg zu Tafel musste sie an Morizs Geschichte mit den Kohlestaubwolken denken und kicherte.
Frau Stober war unverzeihlich.„Was gibt es denn zu lachen?“ keifte sie. „Kannst Du uns nun zeigen, wie man x berechnet?“
„Nein!“
„Aber Quatschen kannst Du, ja?“
„Ich hab nicht einen Ton gesagt. Ich hab mich nur mal nach meiner Tasche gebeugt, das war alles.“
Sie spürte die Blicke aus den Pferdeaugen ihrer Lehrerin, die krampfhaft nach etwas suchten, das nicht in eine sozialistische Schule passte. Bis auf die Stiefel schien aber nichts Anstößiges dabei zu sein.
„Setz Dich wieder hin und ich will keinen Mucks mehr von Dir hören! Haben wir uns verstanden?“
Gina fand es unnötig auf diese Bemerkung noch etwas zu erwidern. Dafür ließ sie voller Verachtung die Absätze auf den braunen Linoleumboden knallen.
In der ersten Pause hatte Annett alles verbreitet, was sie wusste und Gina war sich sicher, das sie auch verbreitet hatte, was sie sich zusammengereimt hatte.
Im ersten Augenblick machte sie der Gedanke stolz. Aber als ihr einfiel, dass es auch etwas war, das sie wieder zu etwas Besonderem machte, verflog das gute Gefühl. Irgendwann würde es bei Frau Stober ankommen und was dann passierte, wusste niemand.

15

Bis zur vierten Stunde hielt sich das Gefühl, glücklich zu sein. Dann holte Moriz die Realität ein. Jedes andere Mädchen hätte er einfach gefragt, ob sie sich nach der Schule mit ihm treffen würde. Aber bei Gina bekam er das nicht hin. Außerdem war immer diese komische Sandra in ihrer Nähe.
Er suchte ihren Stundenplan und begann sich zu ärgern. Fünf Stunden hatte sie heute, das faule Stück. Er musste noch zwei Stunden länger schwitzen. Also blieb ihm nur übrig, nach der zu ihr zu fahren und zu hoffen, das sie zuhause war.
Er versuchte sich vorzustellen, was sie für ein Gesicht ziehen würde, wenn er plötzlich vor der Tür stand. Bestimmt würde sie wieder so aussehen, als ob er lästig wäre. Oder sie würde gelangweilt auf ihrem Kaugummi herumkauen und mit den Schultern zucken, wenn er etwas fragte. Aber trotzdem konnte es sein, dass sie sich freute, ihn wieder zusehen. Die meisten Mädchen zeigten das nur nicht so gern.
Hilflos sah er sich zu Schrottie um, der auf seiner Bank eingeschlafen war und leise schnarchte. Sicher hatte es Herr Kaltemeier schon bemerkt, aber nichts gesagt. Er sagte nie etwas. Stattdessen schien er dankbar zu sein, das es wenigstens noch zwei in der Klasse waren, die ihm zuhörten.
Moriz sah sich um und dachte, dass es schon ein besonderer Trottel von Biologielehrer sein muss, der es schafft das ihm zwei Leute zuhören. Der Rest der Klasse döste vor sich hin, spielte Skat oder versenkte Schiffe auf dem Papier.
Als es klingelte schreckte Schrottie hoch. „Scheiße …“ rief er. „Man so ein geiler Traum.“
„Egal. Hofpause.“ Tom stieß ihn an und taumelnd stand Schrottie auf. Er gähnte lang gezogen und winkte Herrn Kaltemeier nach, der aus der Klasse zu flüchten schien.
Ich schreibe ihr einfach einen Brief, dachte Moriz. Und wenn sie nicht da ist, stecke ich ihn an die Tür.
„Gibst Du eine aus?“ fragte Schrottie auf dem Weg zum Gebüsch.
Moriz nickte, obwohl es ihm auf die Nerven ging, dass sein Freund immer schlauchte. Wenn er mal eine eigene Schachtel hatte hockte er darauf und Moriz ärgerte sich noch mehr. Aber zum Glück kam das nur selten vor.
„Stop!“ rief Tom und alle sahen ihn erstaunt an. Nur Claudia sah verwundert aus. „Mayer hat Aufsicht. Na dann können wir ja wieder hochgehen.“ stellte er fest.
„Nischt is.“ bestimmte Moriz. „Ich geh jetzt eine rauchen. Und wenn es diesem Gespenst nicht gefällt, dann muss’er halt auf dem Kamm pfeiffen.“
Claudia starrte ihn an. „Auf dem Kamm?“ fragte sie und versteckte ihre Zigaretten tief in ihren Jeanstaschen.
„Schon gut Große.“ Schrottie legte seinen Arm um die schöne Blonde. „Denk nicht drüber nach.“
Sie zog eine Fratze. „So blöd bin ich nicht!“ fauchte sie und trat ihm mit dem Knie in den Oberschenkel.
Schrotte flüchtete. „Rettet mich!“ rief er und schwang die Arme in der Luft. Dann stieß er gegen Frau Böttger die ihn anlächelte wie einen Halbidioten.
„Entschuldigung …“ stammelte er.
„Schon gut.“ Frau Böttger lächelte noch immer. „Du warst schon immer seltsam Uwe.“ sagte sie. „Aber wir dachten alle das wird mit der Zeit besser. Leider haben wir uns getäuscht.“
Moriz musste lachen. So doof wie es manchmal mit Schrottie war, er war immer für einen Spaß gut. Auch, wenn er nur auf seine Kosten ging.
„Arschloch!“ zischte Schrottie
„Na na na. Was für Worte Uwe!“ mahnte Frau Böttger. „Wir wollen uns doch mäßigen.“
„Wollen wir?“ fragte Tom und griff nach Claudias Hintern.
Sie protestierte und schlug ihm auf die Finger. „Es war von Mäßigen die Rede!“
„Schöne Scheiße aber auch.“
Sie kicherte.
„Also ich geh’ wieder hoch.“ erklärte Moriz. „Qualmen kann man nicht mehr. Gehen wir also nachher aufs Clo.“
„Typisch Kerle.“ meckerte Claudia. „Bei Euch kommt ja keener rein. Aber bei uns guggen sie alle fünf Minuten.“

16

Zuerst das Bad, dann die Küche wischen, dachte Gina, als sie die Wohnungstür aufschloss. Dafür brauche ich eine Stunde. Das Wohnzimmer saugen, mein Zimmer aufräumen, bügeln, Abwaschen, Abtrocknen und Staubwischen. Um sechs mache ich Abendbrot, dann bin ich halb sieben fertig, wenn Mama kommt. Hoffentlich geht es ihr besser als gestern.
Sich nützlich zu machen war ein Tipp von Sandra. Ihrer Mutter gefiel es, wenn sie nach Hause kam und alles war fertig. Gina wollte es deshalb versuchen. Was bei Sandras Mutter half konnte bei ihrer nicht verkehrt sein.
Sie machte sich auch sofort daran, zu wischen. Aber weder die Fliesen im Bad noch das Linoleum in der Küche war einfach zu handhaben. Sobald das Wasser getrocknet war, kamen hässliche Streifen zum Vorschein, die sie mühsam mit einem trockenen Lappen wegpolieren musste. Als dann endlich beide Zimmer so glänzten, wie sie sich das vorgestellt hatte, kam sich Gina reif vor, für einen Vollwaschgang im mütterlichen Halbautomaten. Außerdem sangen ihre Bauchmuskeln vor sich hin und die Knie stachen, als hätte sie die letzten zwei Stunden auf Reiszwecken gekniet.
„Scheiß Job!“ schimpfte sie vor sich hin und spürt den Scheiß auf ihrer Stirn. Als sie an Moriz dachte, der ihr diese Arbeit eingebrockt hatte, klingelte es.
Halb vier zeigte die alte Uhr über der Garderobe. Ihre Mutter konnte es noch nicht sein. Also blieb nur Sandra übrig. Auch gut, dachte sie. Dann werde ich ihr mal sagen können, was sie für einen dämlichen Vorschlag gemacht hat.
Sie riß die Tür auf und warf sie gleich wieder zu. Ein verdutztes „Hallo“ drang zu ihr und sie musste ihre Gedanken ordnen. Er stand vor der Tür und sie sah einfach beschissen aus. Vor dem Garderobenspiegel kämmte sie sich mit den Fingern. Es half nicht viel. Außerdem war das alte schmale Unterhemd etwas zu freizügig  und der Schweiß ließ sie glänzen. Dann fiel ihr ein dass es wichtiger war, das er vor der Tür stand. Sie freute sich, auch wenn sie sich aus irgend einem Grunde sicher war, das sie es ihm nie zeigen durfte.
Sie zog sich die gelbe Regenjacke über, die griffbereit hing und öffnete die Tür zum zweiten Mal. Mit einem eleganten Schritt, schob sich durch einen schmalen Spalt nach draußen.
„Hallo!“ sagte er leise und sah sie an. Sein Blick wanderte von ihrem Gesicht ein wenig nach unten. „Hab ich dich erschreckt?“
„Ja.“
Verlegen sah er nach seinen Schuhen.
„Wolltest Du mich nur erschrecken?“ Sie versuchte zu lächeln, um nicht ablehnend zu erscheinen. Sie freute sich. Aber sie hatte sich ja vorgenommen, es ihm nicht zu zeigen. Außerdem passte die Zeit überhaupt nicht.
Unsicher hob er den Blick. „Ich wollte dich eigentlich nur was fragen…“
„Und was?“
Er straffte sich so sehr, das Gina zu kichern begann. Ich kann es mal mit ihm versuchen, dachte sie. Was konnte schon groß passieren. Erst geht man zusammen und wenn’s nicht klappt, ist alles wieder so wie vorher.
„Na ja!“ sagte er wichtig.
Wenn er weiter so schüchtern war, konnte er nicht der Richtige sein.
„Na ob du ein bisschen Zeit hast…“
„Jetzt?“ fragte sie und spürte wie sich ihre Brauen hoben.
„Ja, oder später…“
„Nein.“ Es war schon fast vier. Bald würde ihre Mutter nach Hause kommen und bis dahin musste die Wohnung mehr glänzen als sie selbt. „Hab ich nicht.“ sagte sie.
„Schade.“
„Das findest du vielleicht…“ Sie biss sich auf die Zunge. Was war es nur, das sie Dinge sagen ließ, die sie noch nicht einmal dachte. Um es wieder gut zu machen, lächelte sie. „Wie wäre es mit Morgen?“
Morizs Gesicht wurde heller. „Ja… Wenn es da geht …“
„Sonst hätte  ich es ja nicht vorgeschlagen.“
„Auch wieder wahr.“
„Siehste.“
„Gleich nach der Schule?“ fragte er und ignorierte das Wort.
„Ich hab aber bis zur sechsten.“
„Ich weiß. Ich hab deinen Stundenplan. Also!“
Er hob seinen Helm und ordnete die Riemen. „Ich wart’ dann an der großen Treppe. Machs gut.“
Als er noch einmal winkte, war er schon auf dem Treppenabsatz und Gina hatte das Gefühl, das er froh war, von ihr wegzukommen.

17

Vor der Haustür musste Moriz erst einmal Luft holen. Er lehnte sich an die Tür und überlegte. Was war nur mit diesem Mädchen los? Gestern hatte er den Eindruck, dass sie ihn gern hatte. Aber dann machte sie sich wieder über ihn lustig. Nicht einmal Ihre Blicke waren eindeutig. Immer konnte er darin lesen, das Sie ihn lächerlich fand. War er lächerlich und sie versuchte ihm das nur zu zeigen? Aber das konnte sie doch auch anders machen. Warum musste sie ihn denn so veräppeln?
Aber nein. Sie mag mich, dachte er. Sonst würden ihre Augen nicht so freundlich aussehen.
„Darf ich mal durch oder was?“ maulte ihn ein kleiner dicker Mann mit Glatze an, der eine schwarzen Aktentasche unter dem Arm trug.
„Geht das freundlicher?“ maulte Moriz und ging zur Seite.
„Ich werd` dir gleich helfen.“
„Wobei?“
„Das wirst Du schon sehen, du Lümmel.“
„Blabla.“ Abfällig winkte er dem Mann hinterher und stieg auf sein Motorrad. Er sah noch einmal nach oben und hatte das Gefühl, als wäre gerade ein Wolke von schwarzen Haare vom Fenster verschwunden.

18

Gina stand in der Tür als sich ihre Mutter die Stufen hinaufschleppte. Mime, dachte sie. Papa hatte sie immer so genannt und seit kurzem wuste sie auch, was das Wort bedeutete. Aber das Abendbrot war fertig und der Tee gekocht. Also jetzt bloß nichts kaputt machen … „Hallo Mama.“
„Guten Abend.“ Das Gesicht ihrer Mutter war noch so streng wie gestern.
„Es ist alles schon fertig. Du musst dich nur noch hinsetzen.“ Sie erwartete keine Freundlichkeit. Aber das spärliche Nicken, enttäuschte sie trotzdem. „Mama? Sprichst Du nicht mehr mit mir?“ fragte sie mit der Teekanne in der Hand.
Ihre Mutter sah sie noch immer an, als wäre sie eine Fremde, die sich aufdrängte.
„Denkst Du wirklich, ich kann an einem Tag alles vergessen?“
Nein, sicher nicht. Aber ich weiß auch nicht, was es zu vergessen gibt. Das ich noch mit einem Jungen Eis essen war? Oder das ich meine Wäsche nicht gleich weggeräumt habe? „Nein. Aber ich würde gerne wissen, was du alles nicht vergessen kannst.“
Das Gesicht gegenüber formte sich. Ihre Mutter war kampfbereit, aber der kritische Punkt war noch nicht erreicht. „Willst Du mich provozieren?“ fragte sie leise und drohend.
„Nein, will ich nicht.“
„Also. Dann lassen wir das, ja!“ Sie nahm sich die Teetasse und lehnte sich an..
Eigentlich hätte Gina zufrieden sein können. So ein Satz kam von ihrer Mutter nur, wenn sie selbst keine Lust hatte, zu streiten. Wer ihre Ausbrüche kannte, war froh, diesen versöhnliche Ton zu hören. Auch Papa war an solchen Tagen immer besonders nett zu ihr gewesen.
Trotzdem war es so ungerecht. Sie hatte nichts getan, also gab es auch keinen Grund, ihrer Mutter die Entscheidung zu überlassen, ob weiter geschrieen werden sollte oder nicht. Deshalb nahm sie allen Mut zusammen und sah ihre Mutter an. „Ich würde gern mit Dir über gestern Abend reden.“
„Was soll das? Willst Du mir den nächsten Abend versauen?“
„Ich wollte mit Dir darüber reden, was ich falsch gemacht habe. Damit es nicht wieder passiert …“ Unter den wütend werdenden Blicken ihrer Mutter versuchte sie die volle Teetasse zu heben. Sie zitterte aber zu stark und ließ es bleiben.
„Was gibt es da noch zu sagen? Du weißt doch was Du getan hast.“
„Das weiß ich nicht.“
„Gina!“ Ihre Stimme wurde immer drohender und es würde sicher nicht mehr lange dauern bis sich wieder unerträgliches Kreischen in ihre Ohren bohren würde. Also blieb Gina nichts anderes übrig, als nachzugeben und freundlich zu sein, wie es ihr Vater viele Jahren vorgemacht hatte. Wenn sie nachgab, hatte sie einige Tage Ruhe. Wenn nicht, wer weiß was dann käme.
„Solltest Du nicht mehr wissen, in welchen Ton Du gestern mit mir gesprochen hast, kann ich Dir gern auf die Sprünge helfen.“
Gina sah über den Tisch. Ihre Mutter schaffte es die Teetasse abzustellen. Ohne zu zittern.
Es ist unglaublich, dachte sie. Die spricht Halbwahrheiten aus und ist dabei völlig ruhig.
„Das ist ungerecht!“ presste sie heraus und war froh, noch halbwegs den richtigen Ton gefunden zu haben.
„Was ist ungerecht? Das ich mich von dir anschreien lassen muss wie der letzte Dreck?“
Ihre Stimme begann höher zu werden. Nun würde es nicht mehr lange dauern.
Sei`s drum! dachte Gina. Meinetwegen. Soll sie keifen, schreien und alles zusammenschlagen. Meinetwegen auch mich. Aber wenn ihr nicht jemand irgendwann einmal die Meinung sagt, wird sich das nie ändern.
„Aber du darfst das, ja?“ Gina lehnte sich an und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hoffte, das so ihre zitternden Finger verborgen bleiben würden. Ihre Mutter starrte sie an, als wäre sie geschlagen worden.
„Mir!“ kreischte sie, „Mir sagst du das. Mir!“
Sie griff nach der der überhängenden Tischdecke und zerrte daran herum. Tassen und Teller klapperten.
„Ja Mama. Ich sage dir das. Ich!“
„Was hab ich dir nur getan? Sag mir das Gina, was hab ich dir getan, das Du mich so hasst?“
Wie bekannt das doch alles war. Und wie lächerlich.
„Eine Antwort hab ich wohl auch nicht verdient?“
„Ich hasse dich gar nicht. Ich kann Dich nur nicht verstehen.“
Es krachte. Die Scherben eines Tellers und eine Handvoll Besteck flogen durch das Wohnzimmer. Gina zuckte zusammen und sah das ihre Mutter noch immer die Faust geballt hielt, die den Tisch getroffen hatte. Sie schien selbst erschrocken zu sein, fasste sich aber schnell. „Siehst Du, wie weit Du mich treibst?“ fragte sie leise.
Es hatte keinen Zweck. Sie würde immer einen Ausweg finden.
Gina hob das Messer auf. Sie rieb die Butterreste aus dem Teppichbelag und sammelte die größten Scherben auf. Erst als sie sich zurück an den Tisch setzte wurde der Blick ihrer Mutter klarer. „Das war das Service von meiner Mutter.“ sagte sie drohend. „Freust Du dich, dass Du es auf dem Gewissen hast?“
Gina antwortet nicht. Sie hatte genauso wenig eine Chance wie ihr Vater. Es war sinnlos. Diese Furie war die Stärkere.
„Ich wollte doch einfach nur mal mit dir reden!“ rief sie, und kämpfte mit den Tränen. „Ich wollte Dir einfach mal von Moriz erzählen. Davon, das ich nicht weis was ich tun soll. Davon, das ich nicht weiß, ob ich ihn mag oder nicht. Davon, das ich mich nicht mehr freuen kann, nach Hause zu kommen. Davon das ich keine Lust mehr auf Schule habe. Davon das mich Sandra langweilt. Und von allem anderen auch!“
Durch die Tränen sah sie ihre Mutter nur verschwommen. Das Licht der untergehenden Sonne hinter ihr brach sich und stach bunte blendende Blitze in die Augen.
„Und warum redest Du dann nicht mit mir?“  hörte sie, als sie die Tränen abwischte. Die Stimme von Gegenüber klang plötzlich verständnisvoll und der irre Zorn schien aus dem Gesicht verschwunden zu sein. Es war, als hätte Ihre Mutter eine andere Maske aufgesetzt.
Oder war es nur ihr normales Gesicht? Aber wie konnte jemand so schnell seine Gefühle ändern? Gerade noch voller Wut und jetzt, nur Minuten später freundlich und mitfühlend.
„Ich kann nicht, wenn du schreist.“ stieß sie mühsam hervor. „Wie soll ich mit dir reden können, wenn Du mich nur anschreist?“
„Du kennst die Gründe.“
„Nein, kenne sie nicht.“ Voller Trotz straffte sie sich und versuchte dem Blick ihrer Mutter standzuhalten.
Doch nun begann die nächste Stufe des ewigen Rituals: „Ich möchte mich hinlegen.“ sagte ihre Mutter. „Ich bin kaputt von der Arbeit. Ich mag jetzt nur noch meine Ruhe haben.“
Natürlich, dachte Gina. Es ist wie immer. Und wie immer werde ich in meinem Bett darauf warten, das wieder eine Nacht vergeht.
„Aber vielleicht wollen wir uns morgen Abend unterhalten? Ich kann morgen zwei Überstunden abbummeln, wir könnten ja mal wieder zusammen Eis essen gehen ...“
Gina ging zur Tür. „Morgen Nachmittag will er sich mit mir treffen. Ich habe ihm gesagt, ich hätte Lust. Aber ich weiß es nicht wirklich.“ sagte sie. „Morgen ist es zu spät Mama.“ Dann schlich sie in ihr Zimmer.
Franzi lag in ihrem frisch gebügelten Kleid auf einem Zierkissen. Sie starrte wie jeder andere Plüschbär an die Zimmerdecke und brummte, als Gina sie an sich zog. Das Kleid zu waschen war sinnlos, dachte Gina. Ich heule es sowieso wieder nass. Aber schon als sie den kleinen Bären in den Arm nahm, öffnete sich leise ihr Zimmer. Sie spürte da sich jemand neben sie setzte. Dann strichen ihr sanfte Hände durch das Haar. Es war so selten und es war schön.
„Lass uns reden ...“ hörte sie.

19

„Hallo!“
Er stand wie das letzte Mal unten an der Treppe und wartete auf sie. Noch immer trug er diese schreckliche Jeansjacke. Das müsste ich ihm eigentlich sagen, dachte sie, als sie auf ihn zulief. „Hallo Kleiner.“
Er zog ein Gesicht und es dauerte eine Weile, bis sich diese Mine verzog.
„Hast Du Lust irgendwo hinzufahren?“ fragte er und betrachtete seinen Helm. Gina nickte vorsichtig und sah auf das Motorrad. Es sah gefährlich aus
„Na dann komm!“ Er klappte den Starter aus und trat es an. Ein lautes blechernes Knattern erfüllte die Luft.
Gina sah zum Himmel und betete, dass alles gut ausgehen würde. Als er die Fußrasten ausklappte, dachte sie an eine Hinrichtung im Film.
„Bitte aufzusteigen!“
Mühsam kletterte Gina auf den hohen Sitz und hoffte inständig, so schnell wie möglich wieder lebend heruntersteigen zu können. Dann gab es einen Schlag und sie zuckte zusammen. Er drehte sich um und grinste dämlich.
„Sagst Du noch mal Kleiner zu mir?“ fragte er.
Gina starrte ihn an. Er sollte ihr nicht noch mehr Angst machen.
„So, schön die Arme um mich legen.“
„Denkst du, ich hab Angst?“ fragte sie abfällig.
„Nein, niemals.“
„Na dann ist es ja gut.“
Sie schob ihre Tasche auf den Schoß und umarmte ihn von hinten. Dabei verschränkte sie die Finger, als wolle sie beten.
„Und nun geht es los!“
Es schien ihr unbegreiflich, dass sie fuhren. Sie schloss die Augen und spürte nur die Kraft des Motors an ihr ziehen. Es ging nach rechts, es ging nach links, sie wurden schneller und schneller und bald wieder langsamer. Als sie die Augen öffnete, zog alles zog an ihr vorbei, als würde sie einen Film sehen. Bald waren sie auf einer schmalen Landstraße, auf der es nach Abgasen und Erde roch. Es war schön so dahinzufahren. Der Asphalt unter ihren Füßen war ein weicher Fluß. Es war nichts mehr zu spüren als das sanfte Vibrieren des Motors und kalter Wind in ihren Haaren.
„Alles in Ordnung?“ Er sah sich um.
„Ja ja. Gugg nach vorn!“ schrie sie.
Die Häuser rechts und links verschwanden und machten Platz für Felder hinter denen sich die großen Abraumbagger der Tagebauer abzeichneten.
Moriz bremste und bog auf ein Feld ab. „Gut angekommen!“ sagte er, als der Motor schwieg und sich Gina’s Krämpfe zu lösen schienen. Unbeholfen kletterte sie vom Motorrad.
„Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“ Seine Frage klang besorgt. Er stellte sich vor sie und sah sie an.
„Ja klar! Was soll denn sein?“
„Ich weiß nicht, du guckst so komisch ...“
„Ich guck’ immer komisch.“
Er lachte. „Na meinetwegen. Aber wunderst Du Dich nicht?“
„Warum soll ich mich wundern?“ Sie sah sich um. Es war wirklich einsam hier.
„Na das wir nicht in die Stadt gefahren sind, oder Eis essen. Oder was weiß ich.“
„Ein bisschen.“ antwortete sie vorsichtig und fragte nach einer Zigarette.
„Jetzt guckst Du komisch!“ stellte sie fest, als er in seinen Taschen zu kramen begann.
„Ich wundere mich nur, das Du rauchst.“ sagte er und kramte eine zerdrückte Schachtel Club hervor.
„Dürfen Mädchen nicht rauchen? Die komische Blonde raucht doch auch.“
„Die komische Blonde?“ Er schien zu überlegen. „Claudia meinst Du? Die raucht seit dem sie zehn ist oder so.“
„Na siehste!“
„Willste nun? Er hielt ihr die Schachtel noch immer hin.
„Lass mal.“ Warum sie ihn nach einer Zigarette gefragt hatte, konnte sie sich selbst nicht erklären. Wahrscheinlich war das wieder der kleine Defekt in ihrem Kopf.
Er steckte die Schachtel wieder ein und sah zufriedener aus. Wahrscheinlich mag er es wirklich nicht, wenn Mädchen rauchen, dachte sie und war irgendwie zufrieden. Warum konnte sie sich selbst nicht erklären. Bei jedem anderen hätte sie etwas dagegen gehabt, sich etwas verbieten zu lassen.
In der Nähe krachte es. Gina zuckte zusammen und sah sich um.
„Die sprengen nur!“ erklärte Moriz. „Damit der scheiß Bagger weiter kommt.
„Scheiß Bagger?“
„Na die von der Braunkohle! Die machen mir mein ganzen kleines Kaff kaputt.“
„Mein Kaff?“
„Na ja. Ich weiß nicht wie Du es nennst. Aber ich mag es.“ Er zeigte zum Horizont, an dem sich der Wasserturm abzeichnete, so dick wie ein Streichholz. Dann trat er die Zigarette aus. „Nimm’s nicht so ernst“ sagte er. „Bin manchmal ein bisschen komisch.“
„Aber das weiß ich doch.“ Sie lachte ihn an. „Aber komisch ist ein bisschen untertrieben.“
„Du hast ganz schön die große Klappe.“ sagte er.
„Das hast du mir schon mal gesagt.“
„Hab ich?“
„Ja, als Du mich auf dem Schulweg erschrecken wolltest.“
Er schüttelte den Kopf und grinste. „Du bist auch niemals still?“ fragte er.
„Wieso auch? Wenn Du mir das rauchen verbietest, kann ich doch auch sagen, was mir einfällt.“
„Na dann pass nur dabei auf, das Dir das nicht mal jemand übel nimmt.“
Das haben schon viele, dachte Gina und schwieg.
„Nun doch still?“ lockte er.
Sie nickte nur.
„Vielleicht doch noch ein Eis?“
Sie nickte wieder und gab sich Mühe, still zu sein. Zwei Fragen nicht zu beantworten war anstrengend.
„Na dann mal los.“
Sie stieg auf und krallte sich fest. Er sah sich noch einmal zu ihr um und flüsterte unter seinem Helm etwas dass sie kaum verstehen konnte. „Du hast ganz schwarze Augen. Die sind richtig schön!“
Ja ja, dachte sie und versuchte nicht darüber nachzudenken, was dieser Satz bedeuten würde.
Er parkte das Motorrad zwischen einigen anderen und Gina versuchte so gekonnt wie möglich herunter zu hüpfen. Annett stand mit ihren Hühnern vor dem Eingang und staunte mit offenem Mund.
Als er den Helm abnahm sah sie ihn an. „Deine Augen sind graublau.“ sagte sie leise und hoffte, es würde ihn so sehr freuen, das er ihr die Schultasche abnahm. Sie wusste, wenn ein Junge einem Mädchen die Schultasche trug, waren sie mehr als nur Freunde. Und so hoffte sie, Annett würde auch alles mitbekommen.
Es war ein gutes Gefühl ohne Tasche durch die Hühnerschar zu laufen. Sie gingen ihr einfach aus dem Weg und Gina spürte die Blicke, die folgten.
An einem Tisch saßen drei Jungen. Moriz bat sie aufzustehen und maulend gehorchten sie. „Setz Dich hin.“ sagte er zu Gina und stellte sich an das Ende der Schlange.
„Was ist denn für eine?“ fragte er, als er zurückkam und sich setzte.
„Wer?“ Gina steckte den Löffel in ihr Eis und zog ihn vorsichtig wieder heraus.
„Na das dicke Ding da draußen. Hat die mich oder Dich so blöde angegafft?“
Gina sah sich nicht um. Sie konnte ihm unmöglich von Annett erzählen. Er würde über sie lachen. „Nein,“ sagte sie deshalb. „Ich habe das gar nicht bemerkt. Ich habe nur bemerkt, das Du die drei munteren Jungs aus meiner Parallelklasse verscheucht hast.“
„Upps.“ machte er. „Ist das schlimm?“
„Kommt drauf an für wen.“ Gina genoss die Blicke von Annett, die sich in ihren Rücken bohrten.
Moriz schwieg auch. Er schien über etwas nachzudenken aber Gina gelang es nicht herauszufinden worüber.
Schließlich schien er sich doch ein Herz gefasst zu haben und richtet sich auf. „Sag mal …“ begann er vorsichtig.
Sie sah ihn an.
„… gehst Du Donnerstag eigentlich in die Eiche?“
„Nö.“ antwortet Gina leise und versichtete darauf ihm zu erklären, dass sie bestimmt nicht zu einer Disco durfte.
„Warum?“ fragte er aber trotzdem.
„Keine Lust.“
Er schien das nicht zu verstehen. Und noch weniger verstand er, dass sie keine Lust hatte darüber zu reden oder gar ehrlich zu sein.
„Sandra will nicht.“ erklärte Gina und hoffte er würde sich damit zufrieden geben.
Er war zwar still, aber zufrieden schien er mit ihrer Erklärung nicht zu sein.
„Wollen wir dann?“ Gina stand langsam auf. „Es ist gleich um fünf und bald kommt meine Mama nach Hause.“
Er nahm sich den Helm und ihre Tasche. „Dann wollen wir mal. Aber über Donnerstag reden wir noch mal.“
Hinter seinem Rücken wünschte sich Gina, er würde noch einen Umweg fahren. Oder noch einmal anhalten. Aber er fuhr einfach und schien nicht einmal zu merken, dass sie hinter ihm saß.
Wenige Minuten später hielt er vor ihrem Hauseingang.
Frau Schuhmann war dabei sich mit einem Kissen am Fenster einzurichten. Es war nach fünf und der Feierabendverkehr hatte schon längst begonnen. Bald würde es viel zu sehen und noch mehr zu reden geben. Zum Beispiel, das Gina Kessler von einem Jungen nach Hause gebracht wurde.
Moriz hatte den Helm abgesetzt und Gina kletterte vom Sozius.
„Alles klar mit dir?“ fragte er.
„Und mit Dir?“
Moriz hielt den Kopf schräg. „Wieso?“
Gina zuckte die Schultern als hätte die Frage keine Bedeutung. „Nur so ...“ flüsterte sie und sah sich um. Früher hatte sie die großen Mädchen gesehen, die mit ihrem Freund am Motorrad standen. Mal war sie neidisch gewesen, mal neugierig und ab und zu hatte sie sich auch mit Sandra darüber lustig gemacht. Aber irgendwann hatte sie darüber nachgedacht, wie lange es noch dauern würde. Heute war der Tag nun gekommen und sie wusste noch immer nicht, ob es schön war. Sie wusste nur, dass sie auf etwas wartete und er keine Anstalten machte.
Er suchte stattdessen nach seinen blöden Kippen begann zu rauchen. Der Qualm zog an ihr vorbei und gierig atmete sie ein. Rauchen hatte immer etwas mit Männern zu tun, die für sie wichtig waren.
„Wann kommt Deine Mutter?“ fragte Moriz.
Sein Blick war auf einmal wieder unsicher.
„Irgendwann nach sechs. Weiß nicht genau.“
Er nickte. „Na da haste ja noch Zeit.“
„Naja. Muss noch Hausaufgaben machen.“
„Klar. Müsste ich eigentlich auch.“
„Und?“
Er schnippte die die gerade angerauchte Zigarette über die Straße. „Mal sehen. Vielleicht wenn ich heim’komm.“
„Klar...“ Auf etwas zu warten, war ihr schon immer schwer gefallen. Wenn etwas zu lange dauerte, begann ein Brennen im Bauch, das immer stärker wurde, bis es schließlich kaum noch aushalten war. Ob er nun endlich die Frage stellen würde?
„Na denn. Mach’s mal gut Kleener!“ sagte sie leise und beherrscht.
Er nickte nur. Für einen Augenblick sah es so aus, als wartete er auf etwas. Aber das konnte täuschen. Sie winkte ihm noch einmal und ging auf ihre Haustür zu.
Bitte frag! flehte sie, aber er schwieg, bis sie die Klinke hinuntergedrückt hatte.
„Du da!“ hörte sie plötzlich und warf den Kopf herum. „Morgen nach der Schule?“
„Mal sehen.“ Für eine Sekunde schloss sie die Augen um Danke zu sagen.
„Ich stehe jedenfalls an der großen Treppe.“
„Na dann wachs mal nicht fest. Wenn das der Hausmeister sieht …“
„Bis morgen.“ lachte er.
„Meinetwegen.“ flüsterte sie dankbar und ging rückwärts durch die Tür.
„Tschüss Gina.“
„Tschüss Kleener.“
Sie schloss die Haustür und wartete bis er startete.

20

Nicht zu fassen, dachte Moriz. Sie ist gerade dort durch die Tür gegangen und will mich wieder sehen. Eigentlich kann das gar nicht wahr sein. Aber es muss wohl so sein. Warum sollte sie sonst hinter der Tür stehen und warten?
Er setzte sich den Helm auf und gab Gas. Das gute Gefühl ließ ihn Slalom fahren. Für ein paar Augenblicke fühlte er sich unverwundbar und die Lastwagen die ihm entgegenkamen waren völlig ungefährlich. Aus lauter Freude drückte er auf den kleinen schwarzen Knopf am Lenker und das quäkende Geräusch der Hupe war wie Musik. Übermütig fand er den breiten Fußweg besser als die Straße und die empörten Rufe der Passanten waren Beifall in seinen Ohren.
„Du hast’n Vogel!“ meinte Tom, als Moriz im Park ankam. Alle waren da und starrten ihn an.
„Mach die Karre aus du Idiot!“ schrie Schrotti. „Soll`n die Bullen hier hinterkommen?“
„Nein, sollen sie nicht!“ Moriz stieg ab und lachte.
„Besoffen!“ stellte Torso fest und setzte sein Bier an.
Doch Schrottie war nicht so leicht zu beruhigen. „Ist doch Scheiße was der macht!“
„Genau!“ brüllte Macke. „Is’ alles Scheiße was der macht!“ Dann lachte auch er.
„Ihr Arschlöcher müsst einem jeden Spaß verderben!“ Moriz bockte sein Motorrad auf. „Fast zwei Wochen hat’s gedauert.“ Er hob den Zeigefinger. „Aber nun! Nun hab ich sie!“ Er lachte wieder.
Alle Blicke trafen sich auf jemanden, den er noch gar nicht bemerkt hatte.
„Du bist so ein Idiot!“ flüsterte Schrotti, als Eveline aufstand.
Sie sah ihn an. Es war ein Blick der wehtat.
„Evi…“
„Vergiss es. Du bist das Arschloch! Und was für eins!“ mischte sich Claudia ein.
„Eh, bleib mal ganz ruhig Kirsche. Das geht dich überhaupt nichts an.“
„Das hättest Du wohl gerne!“ giftete sie. „Die Evi ist meine Freundin. Und wer die bescheißt, bescheißt auch mich!“
Tom lachte. „Ach nee, seit wann denn das? Wie war das noch?“ Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Die färbt sich die Haare, nur weil sie ne Farbe hat wie jeder Straßenköter!“
In Claudias Gesicht wechselte Wut mit Röte. „Das hab ich nie gesagt!“ behauptete sie, als sie Evelynes Blick bemerkte.
„Ach ne!“ Moriz ging auf sie zu. „Was hast du denn dann gesagt?“
„Ach halt Deinen Mund!“
„Ne, Du hältst den Mund!“ Er sah sich nach seiner Freundin um, die mit schleppenden Schritten auf den Parkausgang zulief.
„Evi!“ rief er, aber sie tat, als habe sie nichts gehört.

21

„Na da hast Du ja mal wieder den Vogel abgeschossen …“ meinte Schrottie am Abend, als sie zusammen bei Heinz Kneipe saßen. Für ihre Eltern waren sie bei einem gemeinsamen Freund, der Detlef hieß. Schrottie hatte ihn erfunden und wunderte sich noch immer darüber, das seine Eltern an die Existenz eines Jungen mit einem solchen Namen glauben konnten.
Moriz winkte ab. Es war kein Mitleid, das ihn bewegte. Viel schlimmer war der Gedanke, eine sichere Burg aufgegeben zu haben. Außerdem schienen ihm die Abende mit ihr plötzlich so verlockend, das er fest davon überzeugt war, einen Fehler gemacht zu haben.
„Deine arroganten Gesten geh’n einem manchmal richtig aufs Schwein.“ Schrottie sah sich nach Heinz um, der am Tresen herumwischte. „Mach mal noch `ne Lage!“ rief er durch den Raum und Heinz ließ den Lappen fallen.
„Scheiß Sauferei.“ brüllte er und lachte in sein Spülbecken.
Moriz sah aus dem Fenster. Draußen war es schon dunkel. „Recht haste.“ sagte er leise und nahm Heinz das nächste Bier ab.
„Eigentlich darf ich euch keinen Schnapps geben!“ erklärte Heinz und tat wichtig als er mit seinem Tablett am Tisch stand.
Schrottie nahm seinen Wodka und hielt ihn in die Luft. „Auf die Frauen!“ schrie er plötzlich so laut, dass die verschlafenen Gäste erschrocken aufsahen.
„Immer drauf!“ brummte Moriz. „Triffst nie die Falsche.“
„Da ist was dran.“ Nickte Heinz und ging zurück hinter seinen Tresen.
Eine Weile herrschte Schweigen am Tisch. Moriz überlegte, warum sein Freund von Evelyn sprach. Befreundet waren die beiden doch nicht. Aber vielleicht war er ja scharf auf sie. Das wäre immerhin nicht ungewöhnlich, denn er hatte denselben Geschmack. Sein Problem war nur, das er sich einfach zu dämlich anstellte.
„Du klingst, als willst Du was von der.“ sagte er und wusste nicht wieso. Eigentlich war das doch egal. Sein Freund hatte bei Evi sowieso keine Chance, also war die Gefahr gering, dass sich Gina und sie irgendwann in der Clique begegnen würden.
Schrottie lachte höhnisch. „Nehm’ ich deine Abgelegte?“ fragte er. „Du bist ja doof! Vergiss es. Ich fand’s nur Scheiße das’s so gelaufen ist.“
„Na meinste ich nicht?“
„Ne. Ich denke Du fandst’s gut. Wie ich Dich kenne, hätt’ste ihr doch ´eh nicht gleich das Ticket gegeben.“
„Hey, ich hab jetzt Gina. Nichts gegen Evi, aber da kommt’se nicht ran.“
Schrottie winkte ab und sah mindestens genauso arrogant aus, wie sich Moriz fühlte. „Die? Was willste überhaupt mit der? Klar. Hat’n hübschen Arsch, aber vorne … na ja. Und eh du da mal ran darfst, ist doch Weihnachen.“
„Na und?“ fragte Moriz, „Hab doch mit lange genug rumgemacht. Da wird’s bis Weihnachten auch ohne gehen.“
„Bei Dir?“ fragte Schrottie. „Nie und nimmer. In spätestens einer Woche stehst’e wieder bei Evi auf der Matte. Woll’n wir wetten?“
„Käse!“ behauptete Moriz, aber er wusste dass es gelogen war. Immerhin war Evi für Spielchen zu haben, von denen Gina bestimmt noch nicht einmal gehört hatte.
„Aber trotzdem. Wir werden sehen. In einer oder spätestens zwei Wochen bettelste wieder bei der Schnecke.“ behauptete Schrottie
„Fick Dich selber!“
„Machst `ne Wette mit.“
„Einen Zehner wie immer?“
„Klaro.“ Schrottie sah sich um. „Heinz? Haste mal `ne Minute? Und bring gleich noch `ne Lage mit. Wolzow zahlt …“
„Ochse!“ Moriz starrte zur Theke. „Hey Heinz. Ich hab nur`n Pfund…“
„Macht nisch!“ kam es vom Tresen zurück. „Dem Geizkragen der da dein Freund ist, dem zieh’n mir heute beide das Fell über die Ohren. Klar?“
Als Heinz die letzte Lage auf den Tisch gestellt hatte, regte sich in Moriz das Gewissen. Er dachte daran, dass es nicht einmal drei Wochen dauern würde, bis Frau Stober die Prüfungsfragen in Mathematik und Physik auf den Tisch legen würde. Gelernt hatte er noch nichts. „Scheiß Schule…“ schimpfte er vor sich hin.
„Quatsch nicht.“ erklärte Schrottie. „Dauert nicht mehr lange. Noch knapp zwei Jahre und  dann wirste Dich zurücksehen, wenn’de auf irgendeinem Acker liegst und das Vaterland verteidigst.“

22

Weil die Nachmittage und Ausfahrten mit Gina häufiger wurden, drohte Morizs Mutter, ihn zuhause einzuschließen, wenn er sich nicht endlich Zeit zum Lernen nehmen würde. Ihm blieb also nur, die Zukunft mit Gina aufs Spiel zu setzen oder den Freund Detlef noch häufiger zu besuchen.
Um zu vermeiden, dass seine Eltern misstrauisch wurden, handelte er zwei Tage in der Woche aus, an denen er sich mit Gina treffen durfte. An den anderen Tagen traf er sie heimlich und fuhr mit ihr weit hinaus, um niemandem über den Weg zu laufen.
Der Wunsch ihr Zimmer kennen lernen zu wollen kam aus heiterem Himmel und mitten im Astrologieunterricht, als er an das „Raumschiff Enterprise“ dachte.
Gina starrte ihn an, als hätte er ihr vorgeschlagen ab sofort nur noch von der Schulspeisung zu leben. Erst nach langem Zureden gab sie mürrisch nach und verlangte, dass er sich mindestens noch eine Woche gedulden müsse. „Ich muss schließlich noch aufräumen!“ sagte sie.
Da Moriz die Zeit zu lang wurde und die Prüfungen immer näher rückten, gab sie sich schließlich mit dem Freitagnachmittag zufrieden, aber nur dann, wenn er sie am Donnerstag in Ruhe ließ.
Schließlich war es dann soweit. Kaum das die Schule zu Ende war, raste er nach Hause, zog sich an, was seine Mutter voller Unzufriedenheit herausgesucht hatte, stritt sich eine Weile mit ihr herum und machte sich auf den Weg.
Aber als auf dem Motorrad saß und auf die Uhr sah, wusste er, dass er noch eine halbe Stunde Zeit hatte. Also bog er in den Park ab, um noch eine Zigarette zu rauchen.
„Man, Du siehst aus?“ sagte Schrottie. „Meine Fresse!“ Er staunte Moriz von oben bis unten an. „Die Schuhe! Ich schmeiß mich weg. Erwisch ich dich doch noch mal in zehn Jahren Schule mit etwas anderem als NIETENHOSEN auf dem Leib!“ Er drehte seinen Motorradschlüssel um den Finger wie John Wayne seinen Colt und schnalzte mit der Zunge.
Moriz verzog das Gesicht und kam sich dämlich vor. Da hört man einmal auf seine Mutter, dachte er und gleich ist man der Lachsack. „Schnauze du Silbervogel!“ Er stieg vom Motorrad und brannte sich die Zigarette an.
„Wieso kommst du eigentlich in so einem Aufzug?“ Sein Freund wurde nicht fertig mit Staunen.
Gut das Macke noch nicht hier ist, dachte Moriz. Der würde sich vor Lachen einmachen. „Na wohin wohl?“ knurrte er und beobachtete den Parkausgang, in der Hoffnung er würde noch lange brauchen bis er käme. Sonst war er gegen drei schon hier.
„Du willst Mannequin werden!“ behauptete Schrottie. „Gib es doch zu. Ich hab dich endlich durchschaut!“
Moriz verdrehte sie Augen. Es war blöd noch einmal in den Park zu fahren. Rauchen hätte er auch an irgendeiner anderen Ecke können.
„Haste wenigstens mal an ein paar Blumen gedacht? Frauen stehen auf so was!“
Moriz schüttelte den Kopf. „Nee.“ Er dachte daran, wie Gina das Gesicht verziehen würde, wenn er ihr ein paar Nelken präsentierte. Wohl etwas zwischen Schreck und Mitleid. „Für Gina?“ fragte er, um Schrottie nicht zu beleidigen. „Ne, die lacht mich ja aus.“
„Das macht die auch, wenn sie dich in dem Aufzug sieht ...“
Moriz schnippte seine Zigarette auf seinen Freund und freute sich, als er zur Seite sprang.
„Na dann eben nicht. Aber komm mir hinterher nicht angeheult, wenn sie dich verlassen hat, weil die Blumen fehlten.“
Zwei Motorräder dröhnten über den verbotenen Weg in den Park und hielten mit knirschenden Reifen in einer riesigen Staubwolke.
Gott sei dank, dachte Moriz. Nicht Macke.
„Wie stehts?“ fragte Olaf und stieg ab.
„Alles klar,“ antwortete Schrottie. „aber Moriz hat heute keine Zeit. Der ist heute bei seiner Else.“ Er tänzelte um die Motorräder herum, als würde er sich im Stand paaren.
„Ach ne? Und was ist mit Pflaume heut Abend?“ fragte Torso und stieg ab.
„Da kann er nicht.“ erklärte Schrottie. „Er hat ganz andere Pflichten. Die haben zwar auch was mit Pflaumen ... äh ... aber ich sach ma nüscht mehr.“
„Ihr seid dämlich!“ Moriz setzte sich seinen Helm auf. „Und außerdem bin ich heute Abend mit dabei.“
„Aber nur wenn du dich vorher umziehst ...“
„Und, hey!“ rief Torso, „Wann kriegen wir denn die Kirsche mal zu sehen?“
„Never!“ Moriz zeigte ihm den Mittelfinger und fuhr los.

Der Weg zu ihr war ihm noch nie so weit vorgekommen. Unsicher betrachtete er seine Hosen, die im Fahrtwind flatterten und wünschte sich, er hätte nicht auf seine Mutter gehört. Wenn die Freunde schon lachten, was würde dann erst Gina sagen? Im spotten war sie unschlagbar.
Er sah auf die Uhr. Es war zu spät um sich noch einmal umzuziehen. Also blieb ihm nur sich einfach zu ergeben.
Gina schien hinter der Tür gewartet zu haben. Noch bevor er den Klingelknopf drücken konnte, riss sie die Tür auf und stand vor ihm.
„Hallo …“ sagte sie leise und er betrachtete sie. Sie trug ein einfaches weißes T-Shirt, das aber gerade so lang war, das es bis zu ihrem Nabel reichte. Darunter saß ein röhrenförmiger Jeansrock, der zwei runde Hüftknochen sichtbar werden ließ und aus dem zwei glatte braune Beine hervorsahen.
„Hast Du ein Problem?“ fragte sie, als sein Blick zu lange auf die untere Hälfte ihres Körpers gerichtet blieb. Dabei war ihr Ton gereizt und nicht so spöttisch, wie er erwartet hatte.
„Hallo!“ antwortete Moriz und richtete sich auf. „`tschuldigung, aber ich wollte mir nur noch schnell die Schuhe ausziehen.“
„Bevor Du mir wenigstens Guten Tag sagst?“
Ginas Brauen ließen nicht Gutes vermuten. Etwas war nicht in Ordnung.
„Was’ den los?“ fragte er. „Was bist’e denn so schräg? Hab ich Dir was getan?“
Sie schüttelte den Kopf. „Willst’e nun reinkommen oder ewig auf der Treppe stehen.“
Ihr trotziges Gesicht machte sie liebenswert, obwohl er sich das selbst nicht erklären konnte. Aber nun war er hier und wollte ihr Zimmer sehen. „Reinkommen.“ antwortete er und bemühte sich um ein Lächeln.
„Na dann!“
Moriz forschte in ihrem Gesicht. Es wirkte schmaler als sonst und ihre Lieder zuckten nervös, als rechnete sie mit etwas Furchtbarem, das aus dem Universum auf sie zukommen könnte. Aber egal, dachte er. Entweder sie beruhigt sich gleich, oder ich gehe wieder. Dann kann ich mit den Jungs in die Pflaume. Und morgen sehe ich sie ja wieder auf dem Schulhof. Dann kann sie mir erklären was sie hatte. Oder sie lässt es bleiben.
Den letzten Gedanken verwünschte er, als sich die Tür hinter ihm schloss. Er stand in der Wohnung in der sie schon seit fünfzehn Jahren lebte und auf die er eifersüchtig war, weil sie von ihr viel mehr wusste als er. Und trotzdem war er froh hier zu sein und die Dinge zu sehen, mit denen sie jeden Tag umging. Und überall roch es nach ihr.
Auf den ersten Blick war nicht alles so aufgeräumt und exakt ausgerichtet wie bei ihm zuhause. Dafür wirkte alles irgendwie wärmer und gemütlicher.
Sein Blick fiel als erstes in den großen Spiegel neben der Garderobe und er überlegte, ob er noch einmal in seinem Leben auf seine Mutter hören sollte. Die Klamotten die sie ihm aufgeschwatzt hatte, sahen über die Maßen grausam aus.
Aber dann fiel sein Blick auf das was man bei alten Garderoben Hutablage nannte. Sie wurden nicht mehr benutzt aber auf Grund ihres Vorhandenseins waren sie bestens für einen Motorradhelm geeignet.
„Darf ich?“ fragte er und Gina hob die Schultern.
„Von mir aus. Wenn das Ding abbricht, musste eine Neue anbasteln.“
Moriz schob den Helm nach oben und sah sich um. „Was haste denn nur. Hab ich Dir was getan?“
Sie schwieg, aber zog ein Gesicht, als wäre er ein zwangseinquartierter Obdachloser. Doch sie ließ ihm doch eine Minute Zeit sich umzusehen, bis sie ihn in ihr Zimmer schob.
Man darf sich nicht abschrecken lassen, wenn man weiß was man will, dachte Moriz, obwohl er am liebsten gegangen wäre. Das seltsam misslaunige Gesicht nahm ihm den ganzen Spaß an dem Nachmittag, auf den er sich gefreut hatte.

 

Wird vielleicht fortgesetzt ...

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