Die Straßenbahn für Markkleeberg

Einige werde sich vielleicht noch erinnern können - es gab Zeiten in diesem unserem schönen Lande, in denen das Wohl der Bürger und Bürgerinnen im Mittelpunkt der Kommunalpolitik stand und nicht das Streben nach EU-Fördermitteln oder einer Einsparkleinigkeit. In diese Zeit, die Kaiserzeit, die ja derzeit so verachtet werden soll, fällt auch der Bau der Straßenbahn von Leipzig aus nach Markkleeberg. Wir starten im folgenden rückwärts; also von Markkleeberg in Richtung Leipzig.

Vielen Neumarkkleebergern wird u. U. unbekannt sein, dass die Straßenbahn, die sie vielleicht aus Erzählungen noch kennen und deren rudimentäre Reste in Form von Schienen auf mancherlei Straßen unserer Heimatstadt zu bösen Fahrradstürzen geführt haben, ursprünglich nicht an der großen Schleife auf dem "Körnerplatz" begann, sondern auf der August-Bebel-Straße (damals Oststraße) weiterführte bis an die Koburger Straße (damals Coburger Chaussee). Wer genau hinschaut, erkennt mit Hilfe des Bildes das linke Haus mit dem Eckeingang wieder. Es ist der das Restaurant "Weißer Stern"



Wer genau hinschaut, kann auch auf dem Luftbild von 1945 einen Straßenbahnzug erkennen, der rangiert um die Wagen umzuhängen.

Bis 1961 war diese Endstelle wie ein Kopfbahnhof konstruiert, d.h. die Anhänger wurden auf ein Nachbargleis verschoben und am anderen Ende des Triebwagens wieder angekoppelt. Aus diesem Grund hatten die alten Wagons, die jedes DDR-Kind noch kennt, auf beiden Seiten Türen.

Mit der Inbetriebnahme der Gleisschleife auf dem Körnerplatz entfiel das personalaufwändige Umkuppeln der Wagen.


Heute erinnern nur noch rudimentäre Reste an die einst so revolutionäre Erfindung, die es möglich machte, in Leipzig arbeiten zu können, ohne dort auch wohnen zu müssen. Immerhin war man zwischen 1930 und der Wende in 20 Minuten am Connewitzer Kreuz und nach 40 Minuten am Hauptbahnhof. Heute mag das mit der S-Bahn schneller gehen, damals ersparte man sich dafür den Fußweg (nach Ötzsch oder Großstädteln), so dass der Zeitgewinn nur wenige Minuten beträgt. Der Komfort mag in den Gelenktriebwagen oder den Anhängern auch zu wünschen übrig gelassen haben -


dafür kostete eine Fahrt bis Connewitz auch nur 16 Pfennig und bis zum Hauptbahnhof 26.


DDR-Fahrkarten und ein "Wartungszug" am Körnerplatz vor 1990. Hinter der Straßenbahn befindet sich die Gaststätte "Wartburg" (Bild: Webfound)

Auch mit der Gleisschleife blieb die Fahrt durch die August-Bebel-Straße für die Fahrgäste gleich, sie führte bis zum Ring und dort hieß es warten, wenn eine Bahn entgegen kam. Dieser Mißstand war eine Folge des Krieges, der Reparationen und der Mangelwirtschaft in der DDR, denn die Kurve vom Ring über die heutige Rathausstraße bis in die Friedrich-Ebert-Straße, war nur noch eingleisig "beschient".

Im Bild (Webfound) die Rathausstraße in den 50er Jahren mit dem Kino Regina, das berühmt war für seine hinter, letzte, ganz abgelegene Sitzreihe - die Reihe für den "ersten Kuss".


Das nächste Warten stand an, wenn die Schranken - in der DDR auch Sabotagebalken genannt - geschlossen waren. Die Fahrgäste stiegen dann in aller Seelenruhe zu und wer bereits einen Platz ergattert hatte, schaute rechts nicht auf die "Mall" mit der Markkleeberg Großstadtniveau erreichen sollte/wollte, sondern auf den Gemüsemarkt zwischen Kino und neuer Post (das präsente Gebäude auf dem Bild) die auch in den 50ern entstanden war, als Ersatz für das von den Amis per Flugzeug entfernte "Kaiserliche Postamt". Im gleichen Anflug hatte die Fliegende Festung auch zwei Wohnhäuser und die berühmte Apotheke dem Stadtbild Markkleebergs entnommen, und einen freien Platz links bzw. gegenüber dem Kino Regina übrig gelassen.

Mit dem Bild der Apotheke machen wir wieder einen Schritt zurück in die Kaiserzeit. In der rechten Mitten die völlig sinnlos zerstörte Jugendstil-Apotheke, dahinter die Wohnhäuser und links daneben die Straßenbahn, ungefähr an dem Standort von dem aus man das Kino Regina sehen konnte. Außerdem, nicht leicht zu erkennen - die damals noch zweigleisig befahrbare Strecke.

Das wichtigste Detail von dieser hinstorischen Aufnahme ist jedoch, dass es damals noch keine Schranken und keine Eisenbahngleise gab, die die Grenze zwischen Gautzsch und Ötzsch markierte. Diese Aufgabe hatte wohl der Zaun übernommen.

Die "Sabotagebalken" an der Grenze zwischen Gautzsch und Ötzsch gaben aber in der Vergangenheit immer mal wieder Anlass etwas sehenswertes zu erblicken. Ob es ein kalter sonniger Wintermorgen ist oder der "ICE der DDR" ein Zug der DR-Baureihe VT 18.16.

(Bilder: Webfound)


Bemerkenswert ist, das die Kreutzung zwischen Straßenbahn und Eisenbahn deutschlandweid einmalig (gewesen) sein soll. Was unscheinbar aussieht und sich beim Überfahren unkomfortabel anfühlt, ist jedoch eine technische Meisterleistung - gerade für die als nicht wirklich innovative DDR, denn außer den Schienen kreuzen sich auch noch zwei unterschiedliche Stromsysteme.

Wenn jemand noch immer nicht genau weiß, wo sich das Kino und die Apotheke befanden, dem hilft vielleicht folgendes Bild aus dem 90er Jahren - mit einer Straßenbahn aus den 20ern.

Die Perspektive ist ähnlich, wenn sich der Fotograf auch etwas weiter in Richtung Bahnhof Ötzsch bewegt hatte, um den Auslöser zu drücken. Zur Orientierung möchten wir noch auf das Gebäude links von der gelben Straßenbahn hinweisen - zur Kaiserzeit war es mit Werbung für das "Paradies Ötzsch" beschriftet - in den 90ern nur noch grau verputzt.

Wenn es dann endlich weiterging, hatte man mit seiner Bahn "Vorfahrt" vor der nach Markkleeberg zurückkehrenden. Denn diese musste auf dem letzten zweigleisigen Abschnitt der Friedrich-Ebert-Straße warten.


Wenn man vorbei war und sie dann einfahren durfte, sah das ungefähr so aus, wie auf dem Bild mit der Verabschiedungsfahrt des letzten Pullmann-Triebwagens 1987 - ein Bild das die Zeit sehr schön eingefangen hat. Man beachte das Auto auf der linken Seite des Bildes - es steht (oder fährt) kurz vor der Weiche von der zwei- auf die eingleisige Strecke. (Bilder: Webfound)

Zum Abschluss einige geordnete Fakten

Die Gautzscher Straßenbahntrasse

Die Gautzscher Straßenbahntrasse war eine überwiegend zweigleisige elektrische Straßenbahnstrecke im Süden von Leipzig. Sie wurde im Jahre 1902 von der Leipziger Außenbahn-AG zur Erschließung der Leipziger Vororte Oetzsch und Gautzsch angelegt und bis 2015 betrieben.
Die (…) führte entlang der Koburger Straße nach Süden. Dabei überquerte sie auf der Koburger Brücke die Mühlpleiße, (…) und durchquerte einen Teil den südlichen Auenwalds, wo sie auf der Raschwitzer Brücke die Pleiße und auf der Gautzscher Brücke das Hochflutbett der Pleiße überquerte."
Am Forsthaus Raschwitz bog sie (nach) Oetzsch (in die) Heinkstraße (heute: Breitscheidstraße) ab, (dann in) die (…) König-Albert-Straße (heute: Friedrich-Ebert-Straße). An deren Süd-Ende bog sie (…) in die Gautzscher Straße (heute: Rathausstraße), überquerte die Gaschwitzer Eisenbahn (…), bog dann wieder nach Süden in die Straße »Ring«, und zuletzt erneut nach Westen in die Oststraße (heute: August-Bebel-Straße), wo sie ursprünglich an der Kreuzung mit der Koburger Straße an einer Kuppelendstelle endete.
Am 16.05.1902 wurde die neue, ursprünglich komplett zweigleisige Trasse mit einer Linie in Betrieb genommen, die mit einem weißen Stern-Symbol gekennzeichnet war. Ihre Gegenendstelle befand sich am Nord-Ende des Roßplatzes (vor der Einmündung der Königstraße [heute: Goldschmidtstraße]).
(…)
1928 erhielt die Linie nach Gautzsch statt ihres bisherigen Stern-Symbols die neue Bezeichnung „Linie 28“
(…)
Eine zunächst zum 01.10.1931 geplante Einstellung der Linie »28« (bei gleichzeitiger Verlängerung der Linie »10« nach Gautzsch) wurde nicht umgesetzt.
Mit der Vereinigung der bisherigen Gemeinden Oetzsch-Markkleeberg und Gautzsch zur Stadt Markkleeberg 1. Januar 1934, erhielt Endstelle in Gautzsch den Namen »Markkleeberg-West«, während die bisherige Endstelle in Markkleeberg in »Markkleeberg-Ost« umbenannt wurde.
Zwischen dem 01.04.1936 und dem 24.11.1947 führte die Linie »28« in Gegenrichtung bis nach Schkeuditz, damit war sie damals die längste Leipziger Straßenbahnlinie. Danach fuhr sie bis 2001 nur noch nach Wahren.
Am 14.02.1961 wurde eine Gleisschleife in Höhe der Kreuzung Städtelner Straße / August-Bebel-Straße in Betrieb genommen, die die bisherige Kuppelendstelle ersetzte.
Im Jahr 1963 wurde die Gaschwitzer Eisenbahn elektrifiziert, so dass sich seitdem am Eisenbahnübergang in der Rathausstraße (einmalig in Europa) zwei verschiedene Stromsysteme in einer aufwändigen technischen Lösung kreuzen.
Seit 14.11.1975 wird der Abschnitt zwischen Parkstraße und Bahnhof Markkleeberg wieder zweigleisig befahren.
Am 24.12.1976 wurde die erneuerte Gautzscher Brücke erstmals befahren, seit
31.08.1980 ist auch die neue Koburger Brücke in Betrieb.
Seit der Netzreform der LVB vom 27.05.2001 verkehrte auf der Gautzscher Straßenbahntrasse die gelbe Linie »9«.
Im Jahr 2014 befanden sich an der Gautzscher Straßenbahntrasse in Leipzig die Haltestellen »Koburger Brücke« und »Wildpark«, sowie in Markkleeberg die Haltestellen »Forsthaus Raschwitz«, »Parkstraße«, »S-Bf. Markkleeberg« und die Endstelle »Markkleeberg-West«.
Im März 2015 wurden konkrete Pläne bekannt, die Gautzscher Straßenbahntrasse im Dezember 2015 stillzulegen. Am 28.10.2015 beschloss die Leipziger Ratsversammlung die Einstellung des Straßenbahnbetriebs auf der Wolfgang-Heinze- sowie Koburger Straße ab 28. November 2015. Davon war nicht nur die gesamte Gautzscher Strecke betroffen, sondern auch der südlich des Connewitzer Kreuzes liegende, 0,8 Kilometer lange Teil der Connewitzer Straßenbahntrasse. Als »Ersatz« verkehrt seitdem ein Dieselbus (Verlängerung der Linie »70«).

Literatur
Leipziger Verkehrsbetriebe GmbH (Hrsg.): Vom Zweispänner zur Stadtbahn. Die Geschichte der Leipziger Verkehrsbetriebe und ihrer Vorgänger. Leipzig 1996. S. 86-91 u.a.

QUELLENHINWEIS: Sollte jemand die Rechte an den Bildern die als "Webfound" bezeichnet sind besitzen, so kann sie/er diese selbstverständlich geltend machen. Wir werden diese Bilder dann entfernen oder auf Wunsch als digitale Bildspende mit der Kennung der/des Rechteinhaber/-s bezeichnen.