Der Damhirsch

Wer vor 100 oder mehr Jahren trinkfest und interessiert an Geselligkeit war, konnte seinen freien Tag in Zöbigker in der Friedenseiche mit seinen Stammtischbrüder verbringen. Bevor uns nun jemand Sexismus vorwirft, bekennen wir zu unserer Schande. das

  • uns Informationen darüber, ob die nachweislich zwischen mindestens 1970 und etwa 2010 existierenden Damen-Stammtische damals schon üblich waren, nicht vorliegen und
  • der Begriff "Stammtischbüder" zeitgeschichtlich ist und hier nicht als politische Aussage verwendet wird. 

In der Hoffnung dass das zu diesem Thema reicht, weiter im Text: Wer aber genug von seinen "Brüdern" hatte, dafür aber eine Ehefrau, Freundin oder Mätresse hielt oder auf Brautschau war, konnte nach dem "Vorglühen" die Koburger Straße etwa 300 Meter Richtung Gautzsch entlangwandeln und hatte dabei etwa folgenden Blick vor sich:

Die Kurve ist auch heute noch gut auszumachen, lediglich das helle Haus und der Schornstein der damaligen "Dampfbrauerei Berndt" (bis 1920) fehlen. Das Haus wurde 1935 abgerissen, der Schornstein bereits zwei Jahre früher. Das Gelände gehört heute zur Firma "Holl" und ist einem freien Platz gewichen. Wichtiger aber ist, das der "Damhirsch", gegenüber der Fa. Holl und hier in grau, seinen Schatten bereits voraus warf. Bis dorthin mussten einen die Füße tragen und wie es ausschaut musste die eventuell mitgeführte bzw. zum Verführen geführte Dame ihren langen Rock raffen, um möglichst reinlich das Etablissement zu erreichen.

Übrigens: Die Geschichte der Zöbigker Brauerei geht von auf Jacob Kees zurück, führt über August dem Starken und den "Leipziger Bierkrieg" zu Carl Berndt, der die Brauerei 1886 samt "Damhirsch" übernahm und einem unterirdischen Gang durch die "Coburger Straße", der die Bierversorgung des Etablissements sicherstellte.

Doch dieser Geschichte muss später ein eigenes Kapitel gewidmet werden.


Nun, heute sind die Straßen sauberer und das Katzenkopfpflaster der "Coburger Straße" - übrigens um 1827 gelegt (Webweisheit) ist verschwunden. Dafür fehlt seit etwa 1978 auch der Blick auf den Damhirsch und aus der "Friedenseiche" kann man seit 1990 nicht mehr "vorgeglüht" herausstolpern. Das Leben ist gesünder geworden. Ob es schöner wurde, mag jeder für sich beurteilen.

Doch versetzen wir uns noch einmal zurück in die gute alte Zeit, als der Damhirsch noch stand, in Betrieb war und es "dazu gehörte" dort gesehen zu werden. Wenn man also die obige Kurve hinter sich gelassen hatte, stand das Etablissement direkt vor einem und kurz zuvor musste man an der Bäckerei vorbei, die es wohl heute noch gibt (allerdings ein Haus weiter).

Man kann es nicht genau erkennen, aber es steht wohl "Konditorei" über dem Eingang der Bäckerei?

Das markante Haus mit der damaligen Bäckerei steht heute noch, auch wenn die Ladentüren geschlossen sind. Die heutige Bäckerei ist in dem weißen Haus links daneben angesiedelt. Deswegen unsere Vermutung, das es sich um ein und das selbe Familienunternehmen handelt. Alles andere wäre doch ungewöhnlich, oder?

Hinter der damaligen Bäckerei befand sich, wie oben beschrieben, der Damhirsch. Heute wird der Platz von sogenannten "Cityvillen" eingenommen.

Und so schön präsentierte sich der Damhirsch, wenn man 1903 davor stand.

1912 war er nicht minder schön. Übrigens gehört heute ein Teil des Freisitzes zu den oben beschrieben Häuschen.

Schon in den 30er Jahren ist von der "Noblesse" des Damhirsch nur noch wenig geblieben. Er scheint das Schicksal der "Friedenseiche" schon vorweg zu nehmen und sich in eine reine Kneipe zu verwandeln. Nun, wir wollen ihm nicht unrecht tun, verlässliche Informationen sind kaum zu bekommen. Unser Urleil beruht allein auf Äußerlichkeiten, den windschiefen Fensterläden und der "Bratwurschbude"  am Zugang zum ehemaligen Freisitz. Vielleicht hängt der Niedergang mit dem Untergang der Zöbigker Brauerei zusammen, die ja zuvor von derselben Person geführt wurde.

Ein Blick vom ehemaligen Freisitz auf den hölzernen Wandelgang neben dem Tanzsaal. Auch wenn der Glanz verblasst ist und der Freisitz eher Kraut und Rüben beherbergt als zahlende Gäste mit Geschmack für Auserlesenes - die einstige Pracht lässt sich noch erahnen.

Mit der DDR und der Eröffnung des Tagebaus Cospuden kam das Ende für den einstigen Prachtpalast. Die vorbeifahrenden riesigen LKW sorgen für Risse in dem alten Bauwerk, Geld für die Wiedererrichtung eines solchen "kaiserlichen Prachtklotzes" wollte von den Kommunisten sowieso keiner Ausgeben und so stand der "Damhirsch" leer, abgesehen von einer kurzen Episode als Röntgenzentrum. Im Tanzsaal wurde in den 50er Jahren das sogenannte "Volksröntgen" durchgeführt, das zum Schutz vor TBC diente.

Der Damhirsch 1929 aus der Luft aufgenommen.

und 1945 noch einmal von den Amerikanern



Ergänzung

Noch ein Bild, das zum Thema passt und aus den 20er Jahren zu stammen scheint, haben wir im Buch "Markkleeberg - Geschichte und Wandel" gefunden. Gleichzeitig möchten wir auch dem geneigten Interessenten das Buch ans Herz legen. Es ist nicht teuer, entält aber viele viele Fakten über die Geschichte unserer Heimatstadt.


Zm Schluss möchten wir noch auf ein bemerkenswertes Detail aufmerksam machen, das erst bei näherem Hinsehen auffällt:


Auf dem linken Bild (ca. 1912) in der linken oberen Ecke befinden sich Zweige eines Baumes, der noch 10 Jahre später auf der Aufnahme rechts an der selben Stelle auftaucht. Das ist leicht verständlich, denn 10 Jahre sind wenig für einen Baum.


Stutzig macht uns aber, das der scheinbar gleiche Baum, der links noch in den 30er Jahren zu sehen ist, noch heute auftaucht (rechtes Bild). Ist das tatsächlich möglich, das dieser Bau, der bereits 1910 ausgewachsen war, heute noch existiert?