Die zöbigker Familie Kees in Stavenow

Wie angekündigt wollen wir ein Stück der Geschichte von Zöbigker mit Fakten fortsetzen, die uns zufällig in die Hände fielen.

Als wir 2018 nach Stavenow kamen, weit ab von der "Zivilisation" oder reichlich "ländlich-sittlich" wie es die Urgoßmutter genannt hätte, ahnten wir nichts von der geschichtlichen Beziehung die das winzige Örtchen in Meck-Pom zu unserem Zöbigker hat.

Der bedeutendste Platz im Ort ist die Burg Stavenow

Historische Ansicht der Burg - aufgenommen von einer der Informationstafeln im Ort.

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Der Innenhof und die Zufahrt im Jahr 2018


Die Dorfkirche Stavenow stellte sogar die DDR unter Denkmalschutz.

Die aus ursprüngliche, aus Feldsteinen gebaute Kirche wurde (nach Informationsblatt) wurde Mitte des 19. Jahrhunderts "überbaut". Aus diesem Grund findet man im inneren des zum Teil restaurierten Gotteshauses verschiedenste  Baumaterialien. Erstaunlich für so eine kleine Dorfkirche sind die wiederhergestellten Bleiglasfenster mit chritlichen Motiven.

Nach dem Besuch der Kirche war der Weg über den Friedhof unvermeidlich, und dort stießen wir auf das erste, das uns wirklich erstaunte. Es war ein Grabstein mit einem für Markkleeberger (Zöbigkerianer) sehr bekannten Namen:

Vielleicht ist man ein wenig morbide veranlagt, vielleicht ist es aber auch nur das natürliche Interesse des Hobby-Historikers: der identische Todestag des Ehepaares. Das ein tragisches Ende zu vermuten ist, liegt nahe, aber dazu später.

Nach einigen mißglückten Versuchen online etwas zu erfahren (das Netz dort ist gruselig) erhielten wir schließlich bei der heutigen Burgfamilie die gewünschte Auskunft: Es handelte sich wirklich um die Familie Kees aus Zöbigker, die die dortigen Ländereien und das Herrenhaus 1929 gegen Gebühr aufgegeben hatte, um Burg Stavenow und die dazugehörigen Ländereien zu erwerben. Paul Jakob Kees hatte sich darüber hinaus einen Namen in der Landwirtschaft gemacht, die er erheblich modernisierte.

Die ehemaligen Gutsarbeiterhäuser, wundervoll gelegen, hatten schon 1929 nichts mehr mit den ärmlichen Katen der Knechte und Mägde zu tun, die man vermutet. Innen riesig, mit Dielen ausgelegt, einfach zu beheizen waren sie bereits damals. Heute sind daraus wunderschöne Urlaubsquartiere entstanden, in die man mit einer Großfamilie einziehen könnte.

Die Stallungen gegenüber den Gutsarbeiterhäusern wären sicher von der DDR so beschrieben worden, als hätte "Ausbeuter Kees" seine Arbeiter den Tieren gleichgestellt. Tatsächlich waren aber kurze Wege auf den riesigen Ländereien wichtig, um sich um kalbende Kühe oder hochschwangere Stuten kümmern zu können.

Wer von den "alten" Zöbigkerianern erinnert sich nicht an den (weggebaggerten) Weg, rechts vom Zöbigker Schloss, am Kavaliershaus vorbei in Richtung Lauer?

Rechts lagen kleine Teiche (oder war es nur ein größerer?) auf dem bis zum Winter 1975/76 Schlittschuh gefahren werden konnte? Einen solchen Weg gibt es in Stavenow, der wie das entnommene Original oder eine perfekte Kopie anmutet und eindeutig die Handschrift des Gutsherrn Kees trägt.


Dr. jur. Paul Jakob Kees in Stavenow

AUSZUG AUS:

Torsten Foelsch
Burg und Schloß Stavenow in der Prignitz
Beiträge zur Besitz- und Baugeschichte eines märkischen Rittersitzes

Link: http://www.stavenow.de/pdf/foelsch.pdf


ANMERKUNG

Viele der in dem Beitrag genannten Fakten besziehen sich auf den Stand 1990 ff. und sind mitlerweile nicht mehr aktuell, insb. die (Dorf-)Kirche und die Eigentumsverhältnisse betreffend.


Hugo von Bonin konnte Stavenow auf Grund der allgemeinen wirtschaftlichen Krise nicht halten und verkaufte das Gut schließlich 1929 an den aus Zöbigker bei Leipzig stammenden Landwirt Dr. jur. Paul Jakob Kees (1884-1945), dem Stavenow bis 1945 gehörte. 1929 umfaßte das Gut Stavenow noch eine Fläche von 1.O15 Hektar (u. a. 350 ha Ackerflächen und 500 ha Forst) mit einem Einheitswert von 466.500 Reichsmark. Die Familie Kees saß seit 1714 auf dem Rittergut Zöbigker, südlich von Leipzig, und gehörte im Sachsen des 18. Jahrhunderts zu den angesehendsten bürgerlichen Kaufmannsfamilien der sächsischen Handelsmetropole, sie trat als Geldgeber Kurfürst Augusts des Starken in Erscheinung, stellte hintereinander die beiden ersten Oberpstmeister Sachsen-Polens und förderte finanziell die Arbeiten Johann Sebastian Bachs. [hier 1]
Paul Jakob Kees verkaufte den größten Teil seines Gutes Zöbigker an die sächsischen Braunkohlewerke und erwarb das Gut Stavenow. Hier ließ er durch den Architekten Paul Schultze-Naumburg, der bereits 1928/29 den Umbau des Herrenhauses in Zöbigker geleitet hatte, Plane für eine architektonische Umgestaltung und Modernisierung (vor allem Einbau einer Heizung) des Stülerschen Schloßbaus anfertigen. Geplant war u. a. die Beseitigung des seitlich vorgezogenen Giebeltraktes in der einen Hofecke und statt dessen die Errichtung eines symmetrischen Mitteltraktes mit dahinter liegender großer Eingangshalle auf der Hofseite des Hauptflügels, dann der Bau eines neuen Treppenhauses und der Einbau neuer Kamine und Kachelöfen.
Insgesamt sollte durch den stilistischen Umbau des Schlosses der Charakter einer mittelalterlichen Burg ganz bewußt wieder herausgestellt werden. Nur ein Teil dieser Pläne wurde zunächst 1935/36 realisiert, da Paul Jakob Kees außerdem bedeutende Sanierungs- und Erneuerungsmaßnahmen auf dem Wirtschaftshof vornahm. Schließlich kam es auf Grund des Kriegsausbruchs nicht mehr zur Fertigstellung des Schloßumbaus, so dass beispielsweise der eine, halb fertige Flügel des Schlosses (mit dem Turm) bis 1945 unbewohnt blieb, bis er schließlich 1945 für die vielen Flüchtlinge aus dem deutschen Osten, u. a. Ende Februar 1945 für einige Tage dem Prökelwitzer Treck des Fürsten Alexander zu Dohna-Schlobitten als notdürftige Unterkunft diente. [hier 2]

Durch die nicht abgeschlossenen Umbauarbeiten wurde die sehr wirkungsvolle und malerische, von Friedrich August Stüler geschaffene neugotische Fassade allerdings durch einen eher nüchternen, strukturlosen Anputz und die Dezimierung der charakteristischen Dach- und Turmaufbauten vereinfacht, so daß das einst grandiose Erscheinungsbild der ganzen Anlage danach insgesamt sehr schlicht wirkte, dem angestrebten mittelalterlichen Erscheinungsbild einer Burg dagegen aber sehr nahe kam.

Paul Kees wurde von den Landwirten der Gegend auf Grund seiner juristischen und betriebswirtschaftlichen Erfahrungen in die Vorstande bzw. Aufsichtsräte der Karstädter Starke [? Wohl Stärke gemeint] und Flockenfabrik sowie der dortigen Molkereigenossenschaft gewählt und hatte in den Jahren 1934/35 neben 7 (sieben) anderen Landwirten wesentlichen Anteil an der wirtschaftlichen Sanierung der Konkurs gegangenen Flockenfabrik. Seinen Stavenower Gutsbetrieb sanierte er in den 30er Jahren durch enorme Investitionen in neue Technik und neue Gebäude. So wurde auf dem Wirtschafthof beim Schloß 1938/39 eine moderne Stapelmistanlage mit einem „Tempo“-Volltorkran [?] der Firma Beck & Henkel/Kassel (mit einer Spannweite von 11,3 m und einer Stapelhöhe von 4 m) sowie separaten Jaucheauffang-Silos und Regenwasserabfluß gebaut. Der landwirtschafthche Betrieb wurde auf gummibereifte Wagen (davon 3 werksneu und 9 aus dem Eigenbau der gutseigenen Schmiede und Stellmacherei) umgestellt, die für die Ernte und für die zahllosen Transporte zur 4 km entfernten Stärkefabrik in Karstadt genutzt wurden. Stavenow wurde unter der Leitung von Dr. Kees zu einem der führenden Saatzuchtbetriebe der Mark Brandenburg. [hier 3]

Auch für Stavenow bedeutete das Ende des 2. Weltkrieges Tod und Verwüstung. Dr. Kees kam am 2. Mai 1945 mit seiner Frau Irmgard im Stavenower Forst, der seinerzeit voll von Partisanen und verstreuten Soldaten war, auf bisher ungeklärte Weise ums Leben. Beide fanden ihre letzte Ruhestätte im Erbbegräbnis der Familien von Voß/von Bonin an der Stavenower Kirche. Unmittelbar danach wurde das Schloß geplündert und von polnischen Fremdarbeitern in Brand gesteckt. Der grandiose Stüler-Bau brannte fast vollständig aus, nur der von Schultze-Naumburg umgestaltete Südflügel mit dem Turm blieb erhalten. Die Reste des West- und Nordflügels wurden dann sehr rasch von den politisch Verantwortlichen der Spitzhacke geopfert, damit daraus Neubauernhäuser erbaut werden konnten. Allein die Kellergewölbe blieben erhalten. Der Turm wurde auf die Firsthöhe des Südflügels gebracht. Dabei gingen die gewölbten Räume des 1. Obergeschosses verloren, so daß heute lediglich noch die Raume des Keller- und des Erdgeschosses gewölbte Decken aufweisen.
Der das ganze Schloß umgebende alte Wassergraben wurde größtenteils mit Bauschutt verfüllt, ist heute jedoch eingetragenes Bodendenkmal. Die von Stüler entworfene Brücke mit den beiden Torpfosten ist erhalten, die Brüstung wurde abgetragen. Die so umgebauten Reste des Schlosses wurden dann bis 1991 als Kinderferienlager genutzt. Seither steht das Gebäude leer. [hier 4] Die Kirche ist heute eine Ruine, die Gruft wurde geplündert und die sandsteinernen Sarkophage sind aufgebrochen. Von den beiden großen Wirtschaftshöfen ist nur wenig erhalten geblieben, auf dem Bof (?) am Schloß steht allein noch das inzwischen von der Familie **** [Name entfernt] bewohnte und sehr gut restaurierte Verwalterhaus mit einem kleinen Stallgebäude. Viele stattliche Gebäude wurden nach 1945 und schließlich noch in den 1990er Jahren abgerissen. Der so geschichtsträchtige Ort macht heute einen trostlosen Eindruck, nur wenige Dinge erinnern heute noch an die alten Gutsstrukturen.

[hier 1] Vgl. KurtKrebs, Das Kursächsische Postwesen zurzeit der Obeqostmeister Johann Jakob Kees I und II [?] (1691-1712); Vater und Sohn, Leipzig 1914.
[hier 2] Vgl. Alexander Fürst zu-Doha-Schlobitten: Erinnerungen eines alten Ostpreußen, Berlin 1989, S. 287.
[hier 3] Diese Angaben basieren auf erhaltenen Versicherungs- und Wirtschaftsunterlagen sowie umfangreichen Auskünften von Herrn Dipl.-Ing. agr. Bernhard Kees/Göttmgen, dem ersten Sohn des Dr. Paul Kees.
[hier 4] Vgl. Götz Erhardt Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg. Eine Dokumentation der Schäden und Totalverluste auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik Bd. 1, München, Berlin 1978 Seite 96.


Weitere Fakten und eine Legenden, die die alte Dorfbevölkerung (recht einmütig) erzählt.

Nach der Wende 1989 und der wilden Zeit der "Glücksritter" aus dem zu dieser Zeit bevorteilten Deutschland, ging die Burg schließlich in solide Hände über, wurde Stück für Stück saniert und ist heute - wie bereits beschrieben - ein wundervolles Urlaubsquartier. In gleichem Maße wie das Schloß wieder entstand, fiel das Dorf in einen Dornröschenschlaf und wird nun (seit etwa 2015) durch neue Eigenheime wieder zum Leben erweckt.


Um den Dorfkonsum (samt Parkplatz) ist die Zeit ist stehengeblieben und die Natur vereinamt Stück für Stück was ihr einmal genommen wurde.

Die Dorfbevölkerung erzählt vom Ende des Ehepaares, das, offiziell unter ungeklärten Umständen sein leben verlor, die Geschichte, dass die Beiden wohl wenige Stunden vor der Einnahme des Dorfes durch die russische Armee, in einem nahen Waldstück Selbstmord begingen. Ein trauriges und tragisches Ende für solch wichtige und respektable Persönlichkeiten, die zu intelligent waren, um mit den braunen Horden im Gleichschritt zu marschieren.