Manche Ostdeutsche „auch nach 30 Jahren nicht in der Demokratie angekommen“

Der 1975 in Karl-Marx-Stadt geborene "Ostbeauftragte" der Bundesregierung Wanderwitz erklärte in der WeLT-Online am 28. Mai des Jahres 2 nach Corona, wohl mit Blick auf die segensreiche "Bundesnotbremse" und den demokratisch eingeschränkten Freiheitsrechten, dass der "gemeine" Ossi noch immer nicht in der Lage sei, die Demokratie zu verstehen. Nicht ganz - er meinte nach WeLT wörtlich: „Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach 30 Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind“, sagte Wanderwitz dem „F.A.Z.-Podcast für Deutschland“.

Wenn man, zumindest als Ostdeutscher, nicht erst einmal schlucken müsste, um den Brechreiz zu unterdrücken, der unwillkürlich bei einer derartigen Verdrehung von Umständen und dem Austausch von Ursache und Wirkung aufsteigt, könnte man fast in eine Form der komatösen Bewunderung verfallen. In einem Land, in dem einem von der Individualität über das Geld bis hin zur Lebenszeit fast alles genommen wird, gibt es tatsächlich noch Menschen die dagegen aufbegehren und die sich mehr Demokratie und mehrheitliche Mitbestimmung wünschen. Nicht nur aber auch als "Querdenker" auf der Straße und nicht nur sondern auch zur Wahl an der Urne.

Und diese Menschen sollen "dikatursozialisiert" sein? Unwillkürlich muss an die Zeit von Walter Ulbricht denken, der nach 1953 auch sehr "von seinem Volk enttäuscht" war. Damals empfahl Brecht in seinem Gedicht "Die Lösung", dass sich die Regierung eben ein anderes Volk wählen müsse. Als am 17. Juni 1953 die Bauarbeiter der DDR einen Aufstand versuchten, hielten sich die Funktionäre der SED-Regierung nicht zurück. "Wie ich mich schäme!" heißt es da im Neuen Deutschland und der Verfasser Kurt Barthel (1. Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR) fährt an sein aufmüpfiges Volk gerichtet fort: "Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird. Zerstörte Häuser reparieren, das ist leicht. Zerstörtes Vertrauen wieder aufrichten ist sehr, sehr schwer."

Ob Herr Wanderwitz seiner Partei der CDU einen Gefallen tut, Wähler die bereits mit einer rechten oder linken Partei liebäugeln und je nach Forschungsinstitut, über 30% aller Stimmen auf sich vereinigen (Linke und AfD), mit solchen Aussagen vor den Kopf zu stoßen, wird man zur Wahl sehen.